Tuesday, January 17, 2023

Enthüllungen und Beschuldigungen: Kardinal Pell gegen Papst Franziskus

Frankfurter Allgemeine Zeitung Enthüllungen und Beschuldigungen: Kardinal Pell gegen Papst Franziskus Artikel von Matthias Rüb • Vor 4 Std. Am Samstag fand im Petersdom das Requiem für den australischen Kurienkardinal George Pell statt. Pell hatte am 10. Januar nach einer Hüftgelenksope­ration während der Aufwachphase einen Herzstillstand erlitten. Er wurde 81 Jahre alt. Pells Leichnam soll in dieser Woche in der Krypta der Kathedrale von Sydney beigesetzt werden. Ein Staatsbegräbnis wird es für den einzigen Australier unter der „Prinzen der Kirche“ nicht geben – aus Rücksicht auf Missbrauchsopfer und deren Angehörige. Obwohl Pell durch das Oberste Gericht vom Vorwurf des sexuellen Missbrauchs zweier Chorknaben freigesprochen wurde und im April 2020 nach gut 400 Tagen Haft das Gefängnis verlassen konnte, lastete bis zuletzt der Vorwurf auf ihm, er habe als Bischof in Melbourne und Sydney Missbrauchstaten durch Priester un­ter seiner Obhut vertuscht. Keine gegenseitige Wertschätzung Unmittelbar nach dem überraschenden Tod Pells hatte Franziskus den streitbaren Australier in hohen Tönen gelobt. Er erinnere sich „in Dankbarkeit“ an Pells „beständiges und engagiertes Zeugnis“, schrieb Franziskus. Zumal bei den Bemühungen um eine Reform des opaken Finanzwesens des Vatikans habe Pell „mit Entschlossenheit und Weisheit“ die Grundlagen für die fortdauernden Re­form­bemühungen gelegt. Pell sei „ein großer Mann“ gewesen, „und wir verdanken ihm viel“, schrieb Franziskus. Die Wertschätzung war nicht gegenseitig, wie man jetzt weiß. Einen Tag nach dem Tod Pells enthüllte der italienische „Vaticanista“, Sandro Magister, in seinem Blog „Settimo Cielo“ (Siebter Himmel), dass Pell der Autor jenes Memorandums war, das seit knapp einem Jahr unter den Mitgliedern des Kardinalskollegiums kursiert. Magister hatte das mit „Demos“ (Volk) gezeichnete Memorandum am 15. März 2022 veröffentlicht, ohne zu ent­hüllen, wer hinter dem Pseudonym steckte. In jenem Brandbrief an seine Amtsbrüder im Kardinalskollegium rechnet Pell schonungslos mit Franziskus ab. Im ersten Abschnitt „Der Vatikan heute“ wird Bilanz über die nach Pells Ansicht verheerenden Entwicklungen gezogen. Im zweiten Abschnitt, „Das nächste Konklave“, erteilt Pell den Kardinälen Ratschläge, wie sie durch die Wahl eines an­gemessenen Nachfolgers dazu beitragen könnten, die von Franziskus begangenen Fehler zu korrigieren. „Rom spricht, die Verwirrung nimmt zu“ Das Pontifikat von Franziskus beschreibt Pell als „in vieler, ja fast aller Hinsicht desaströs“, schlechterdings als „Katastrophe“. Der Papst schweige zu Positionen, welche die Lehre der Kirche zur Homosexualität, zur Frauenweihe oder zum Kommunionempfang für Ge­schiedene infrage stellten. Zudem zeigten die Schriften des Papstes einen „intellektuellen Niedergang“, denn sie huldigten der Doktrin der „politischen Korrektheit“ in den Staaten des Westens, während der Einsatz für bedrängte Katholiken in Hongkong, China oder Russland zu kurz komme. Kein gutes Haar lässt Pell auch an der Amtsführung des Papstes mit Blick auf das Justiz-, das Finanz- und das Personalwesen im Vatikan. Pell resümiert: „Früher hieß es: Ro­ma locuta, causa finita (Rom hat gesprochen, die Sache ist entschieden). Heute gilt: Roma loquitur, confusio augetur (Rom spricht, die Verwirrung nimmt zu).“ Für das nächste Konklave gibt Pell eine klare Wahlempfehlung, ohne jedoch die Namen möglicher Kandidaten zu nennen. Der künftige Papst müsse „we­der der weltbeste Evangelist noch eine politische Kraft sein“, vielmehr müsse er als Nachfolger der Apostel verstehen, „dass das Geheimnis der christlichen und ka­tholischen Vitalität in der Treue zu den Lehren Christi und den katholischen Praktiken“ liege und nicht in der „Anpassung an die Welt“. Kritik an der Weltsynode zur Synodalität Ebenfalls am 11. Januar erschien in der englischen Zeitschrift „The Spectator“ die Abrechnung Pells mit der von Franziskus angestoßenen Weltsynode zur Sy­nodalität. Die Philippika Pells, die er kurz vor seinem Tod fertigstellte, gipfelt in der Feststellung, der synodale Prozess habe sich „zu einem toxischen Albtraum“ entwickelt. Das im vergangenen Oktober vorgelegte Arbeitsdokument zu der Bi­schofssynode, die im Herbst 2024 im Va­tikan stattfinden soll, sei „eines der inkohärentesten Dokumente, die jemals von Rom verschickt“ worden seien. Der Text triefe vor „neomarxistischem Jargon“ und atme den „Geist von New Age“, er sei zudem offen „feindselig gegenüber der apostolischen Tradition“. Das Dokument erkenne „das Neue Testament nirgendwo als das Wort Gottes an, das für alle Glaubens- und Morallehren maßgebend ist“. Das Alte Testament werde vollends ignoriert, das mosaische Gesetz, einschließlich der Zehn Gebote, würde nicht anerkannt. Statt eine eindeutige Positionierung Roms zu Fragen der Lehre zu bieten, werde in dem Text bloß die Pluralität der weltkirchlichen Ansichten zu Abtreibung, Empfängnisverhütung, Frauenweihe, Homosexualität oder auch Polygamie aufgelistet. Die Beteiligten am synodalen Weg müssten sich nun entscheiden, „ob sie Diener und Verteidiger der apostolischen Tradition in Glaubens- und Sittenfragen“ sein wollten oder ob sie sich un­gerührt über fundamentale Aspekte der katholischen Lehre hinwegsetzen und an Papst Franziskus die alleinige Definitionsmacht in diesen Fragen delegieren wollten. Der Text ist kaum weniger als ein Aufruf zur Glaubensrebellion gegen den amtierenden Papst. Unmittelbar nach dem Tod Benedikts XVI. war darüber spekuliert worden, ob die konservativen Kritiker von Papst Franziskus nun zum Frontalangriff übergehen würden – nicht länger vom mäßigenden Einfluss des emeritierten Papstes Benedikt gezügelt. Kardinal Pell galt bereits in seinen letzten Lebensjahren als einer der Wortführer der traditionalistischen Gegner von Franziskus. Sein Beispiel könnte postum Schule machen.