Tuesday, January 10, 2023
Emanuela Orlandi: Vatikan ermittelt erneut in Vermisstenfall
DER SPIEGEL
Emanuela Orlandi: Vatikan ermittelt erneut in Vermisstenfall
Artikel von Sara Wess • Vor 2 Std.
Was geschah im Juni 1983 in Rom? Um den Fall der verschwundenen Emanuela Orlandi ranken sich viele Gerüchte. 2015 war er zu den Akten gelegt worden, jetzt laufen im Vatikan wieder Ermittlungen.
Fast 40 Jahre nach dem mysteriösen Verschwinden eines 15 Jahre alten Mädchens im Vatikan hat die Justiz des Zwergstaates neue Ermittlungen eingeleitet. Die Strafverfolger wollen dem Verdacht und den Hinweisen nachgehen, wonach Emanuela Orlandi, Staatsbürgerin des Vatikans und Tochter eines dort Angestellten, entführt oder ermordet worden sein könnte. Die Teenagerin war am 22. Juni 1983 nach einer Musikstunde in der Altstadt Roms nicht mehr nach Hause gekommen. Eine Leiche wurde nie gefunden.
Gerüchte und Theorien
Am Montagabend wurde die Aufnahme von Ermittlungen aus dem Vatikan bestätigt, nachdem die italienische Nachrichtenagentur Adnkronos über die neue Entwicklung berichtet hatte. »Das sind gute Nachrichten«, sagte Pietro Orlandi, der Bruder der Verschwundenen, der Zeitung »La Stampa«. »Ich bin überzeugt, dass es im Vatikan viele Leute gibt, auch solche in hohen Positionen, die wissen, was damals passiert ist.«
Rund um den Fall hatte es in den vergangenen vier Jahrzehnten viele Gerüchte und Theorien gegeben: etwa dass Orlandi entführt wurde, um den Papst-Attentäter Ali Agca freizupressen, dass die junge Frau von einem hohen Beamten missbraucht wurde oder dass der römische Mafiaclan Banda della Magliana in den Fall verstrickt ist.
Der Vermisstenfall war jüngst international durch eine eigene Netflix-Serie (»Vatican Girl«) bekannt geworden, die diverse Szenarien und verdächtige Elemente rund um den Fall Orlandi aufzeigt.
Wie der Vatikan bekannt gab, will der Hauptstrafverfolger Alessandro Diddi nun alle Beweise und Dokumente von damals neu prüfen und Zeugen hören, darunter auch Kardinäle. Ende 2015 hatte die Staatsanwaltschaft von Rom den Fall archiviert. Daraufhin wendeten sich die Angehörigen von Orlandi wieder an den Vatikan und direkt an Papst Franziskus.
Beobachter spekulieren, dass der Pontifex selbst zuletzt Druck gemacht haben dürfte.