Sunday, January 8, 2023

Die Rache des Georg Gänswein

FR---------------- Die Rache des Georg Gänswein Artikel von Dominik Straub • Gestern um 16:32 Benedikts Privatsekretär redet sich nach dem Tod seines Chefs um Kopf und Kragen. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. war gerade einmal 48 Stunden tot, als sein Privatsekretär die Feindseligkeiten eröffnete: In einem Interview mit der katholischen „Tagespost“ erklärte Georg Gänswein, dass es Benedikt XVI. das Herz gebrochen habe, als Franziskus die unter ihm erfolgten Erleichterungen zum Lesen der Alten Messe (also in lateinischer Sprache) wieder rückgängig gemacht habe. Kurz darauf – noch vor der Totenmesse für seinen einstigen Dienstherrn Joseph Ratzinger – legte der 66-jährige deutsche Erzbischof nach: Er sei „schockiert und sprachlos“ gewesen, als er von Franziskus 2020 als Präfekt des päpstlichen Hauses suspendiert worden sei – er habe sich als „halbierter Präfekt“ gefühlt. Die dritte und bisher letzte Attacke gegen Franziskus erfolgte kurz nachdem Benedikt XVI. am Donnerstag in der Krypta des Petersdoms beigesetzt worden war: Joseph Ratzinger, so sein ehemaliger Privatsekretär, habe an Franziskus geschrieben, dass gegen die Gender-Politik ein „starker und öffentlicher Widerstand“ geleistet werden müsse. Auf den Brief habe der amtierende Papst nicht reagiert. Die Kritik an seiner „Halbierung“ als Präfekt des päpstlichen Hauses und am Schweigen des argentinischen Papstes zur Gender-Politik äußerte Gänswein in Auszügen aus seinem Buch „Nichts als die Wahrheit“, das bald erscheint. Papst Franziskus hat auf die Angriffe seines Untergebenen nicht reagiert, zumindest nicht offiziell. In seiner Predigt zum Dreikönigstag einen Tag nach Ratzingers Beerdigung erklärte er aber, dass man „Gott lieben soll, nicht das eigene Ich und falsche Idole, die uns mit dem Prestige ihrer Macht und der Faszination falscher Nachrichten verführen“. Selbstverliebtheit, Machtwahn und Fake News? „Es ist schwierig, bei diesen Worten des Papstes nicht an Georg Gänswein zu denken“, schrieb der für vatikanische Zwischentöne sehr sensible und ziemlich treffsichere „Corriere della Sera“. Die päpstliche Predigt sei eine deutliche Warnung an „Don Giorgio“ gewesen, mit seiner Rache aufzuhören. Unbestreitbar ist, dass das Verhältnis zwischen Gänswein und Franziskus schon immer ein schwieriges war, nicht erst seit dem Tod Benedikts und auch nicht erst seit Gänsweins Suspendierung als Präfekt des päpstlichen Hauses. Der deutsche Geistliche aus dem Schwarzwald war Franziskus wohl immer etwas zu mondän gewesen: Gänswein verkehrte gerne in der High-Society Roms und genoss seinen Ruf als „George Clooney des Vatikans“. Gänswein wiederum ist, was die katholische Lehre angeht, noch päpstlicher als Benedikt es war, und er befand sich wohl oft in einem Loyalitätskonflikt: Nach der Wahl Franziskus‘ im März 2013 zum Papst bis zu seiner Suspendierung als Präfekt des päpstlichen Hauses war er als persönlicher Sekretär Benedikts Diener zweier Herrn gewesen – des reformfreudigen amtierenden und des konservativen emeritierten Papstes. Das war keine einfache Situation. Angesichts seines Feldzugs gegen Franziskus scheint es ausgeschlossen, dass er sein Amt als Präfekt des päpstlichen Hauses (das er offiziell immer noch hat) behalten kann. Aber was dann? In seiner Heimat Deutschland sind zwei Erzbischofssitze vakant – aber dagegen gäbe es innerhalb der mehrheitlich reformorientierten deutschen Bischofskonferenz wohl erheblichen Widerstand. Alternativ könnte „Don Giorgio“ einen Lehrstuhl an einer päpstlichen Universität erhalten. Oder er könnte als apostolischer Nuntius in eine entlegene Weltgegend abgeschoben werden. Er wäre nicht der Erste.