Tuesday, January 10, 2023

Kein ganz normaler Familienstreit

Kein ganz normaler Familienstreit Artikel von RP ONLINE • Gestern um 20:57 London. Ehrliche Aufarbeitung oder pure Abrechnung? Was immer Prinz Harry mit seinen Memoiren und diversen TV-Interviews erreichen will, das internationale Publikum schaut gebannt zu. Warum Royal-Klatsch guttut, jedenfalls bis zu einer gewissen Grenze. Im Vereinigten Königreich ist das Buch von Prinz Harry diese Woche erschienen. Für manch einen ist das, was Prinz Harry derzeit tut, die versuchte Vollendung dessen, was seine Mutter in den 90er Jahren angestoßen hat. Prinzessin Diana war ohne Frage eine Sympathieträgerin, eine Rebellin und nach ihrer Scheidung eine Außenstehende – wie nun ihr Sohn Harry, der mit Meghan und den zwei Kindern das Königshaus nicht nur räumlich hinter sich gelassen hat. Das BBC-Interview mit Lady Di 1995, in dem sie erstmals offen über mentale und eheliche Probleme sprach, galt als Tabubruch. Und das nicht nur wegen ihrer legendären auf Camilla Parker Bowles abzielende Aussage: „Wir waren zu dritt in dieser Ehe, deswegen war es ein bisschen eng.“ Dass sie subtil, aber unmissverständlich, Prinz Charles Eignung als Thronfolger anzweifelte, war der eigentliche Skandal. Für Diana wie auch für Harry darf man Empathie empfinden, ihre Kritik am Königshaus und ihre Medienschelte als berechtigt betrachten, obwohl oder gerade weil sie durch eigene Medienoffensiven vorgebracht wird. Die „größte Attacke auf die britische Monarchie seit 30 Jahren“, wie ein BBC-Journalist Harrys Memoiren bezeichnet, ist das aber eher nicht. Aus dem am Montag in Großbritannien erschienenen Buch „Spare“ (deutsch: „Reserve“) spricht vielmehr ein ewig Zweitplatzierter, einer, der für die Thronfolge nie eine Rolle spielte, der sich auflehnte und mit Drogen, Nazikostüm und wechselnden Freundinnen auffiel – immer gemessen am große, feinen Bruder. „Dirty Harry“ will das Bild jetzt zurechtrücken. Das ist ein Grund, warum so viele am royalen Familiendrama teilhaben wollen. Weil es an den allgemeinen Gerechtigkeitssinn rührt, weil es in vielen Familien den einen, verlorenen Sohn oder die Tochter gibt. Menschen mit Fehltritten, einer bewegten Jugend, erkämpften Freiheiten, die irgendwann doch häuslich werden, heiraten, selbst eine Familie gründen. Es besser machen wollen – was natürlich als Prinz einer der wichtigsten Monarchien der Welt nicht einfach ist. Er könne nicht mitansehen, sagt Harry an einer Stelle in der Netflixserie „Meghan und Harry“, dass eine weitere Frau, die er liebe, unter der Paparazzi-Verfolgung leiden müsse. Das ehrt den 38-Jährigen. Ebenso wie seine stets klare öffentliche Haltung zum Rassismus, der Meghan immer wieder wohl auch aus dem Inneren des Palastes entgegenschlug. Sowohl in seinem Buch als auch in TV-Interviews aber dann pikante Details preiszugeben, neue Anschuldigungen zu erheben und so die Privatsphäre diverser Angehöriger aufs Empfindlichste zu verletzen, ist nicht die feine englische Art. Und im Grunde das, was Harry selbst beklagt. Alles in allem ist das Drama sicher kein normaler Familienstreit. Was nicht-royale Zuschauer bei aller Unterhaltsamkeit aber doch mitnehmen sollten, ist: Eine Versöhnung, die Prinz Harry laut jüngstem Interview anstrebt, rückt so in weite Ferne.