Saturday, January 14, 2023

Das eine tun und das andere predigen: Wer für Toleranz und Diversität eintritt, kommt ohne Heuchelei nicht aus

Neue Zürcher Zeitung Deutschland Profil anzeigen Das eine tun und das andere predigen: Wer für Toleranz und Diversität eintritt, kommt ohne Heuchelei nicht aus Artikel von Alexander Grau • Freitag Wir alle sind Heuchler. Und das ist auch gut so. Ohne Heuchelei wäre eine funktionierende Gesellschaft nicht möglich. Schliesslich brauchen Gesellschaften Regeln und Normen, an die sich alle halten. Solche Regeln und Normen heissen Moral. Doch da der Mensch aus «krummem Holze» gemacht ist, wie schon der alte Kant wusste, halten wir uns nicht immer an die moralischen Regeln, an die wir uns halten sollten. Selbst wenn wir diese im Grunde für vernünftig erachten. Manchmal ist es bequemer, auf moralische Regeln zu pfeifen. Manchmal auch vorteilhafter. Und ab und zu macht Unmoral einfach mehr Spass. Wir machen nicht immer, was richtig ist, auch wenn wir wissen, was richtig wäre. Aber vielleicht ist genau das auch ein Stück Freiheit. Redner am «Speaker's Corner» im Londoner Hyde Park. Rudolf Dietrich / Ullstein via Getty Wir machen nicht immer, was richtig ist, auch wenn wir wissen, was richtig wäre. Aber vielleicht ist genau das auch ein Stück Freiheit. Redner am «Speaker's Das alles können wir so natürlich nicht zugeben. Denn dann würde das schöne Konstrukt aus Regeln und Normen seine Autorität verlieren und in sich zusammenfallen. Das wollen wir nicht. Denn moralische Regeln sind nützlich. Sie machen das Leben sicherer und berechenbarer. Also heucheln wir lieber. Das heisst: Wir predigen die Moral, an die wir uns selbst nicht immer halten. Das mag unschön sein. Aber sinnvoll ist es trotzdem. Man kann sogar noch einen Schritt weitergehen und sagen: Eine Gesellschaft ohne Heuchelei wäre ein puritanischer und fundamentalistischer Albtraum. Es gehört zu den Paradoxien der Moral, dass man gegen sie verstossen können muss, ohne sie grundlegend infrage zu stellen – sonst drohte die Gesellschaft im Sumpf eines rigiden Moralismus unterzugehen. Eine Gesellschaft ist nur dann wirklich frei, wenn man auch einmal fünfe gerade sein lassen kann. Die Sünde schlechthin Für Fundamentalisten ist Heuchelei die Sünde schlechthin. Sie träumen von einer sauberen Gesellschaft, in der jeder Bürger ein moralisches Leben führt, und zwar aus innerer Überzeugung und fehlerfrei. So eine moralisch durchnormierte Gesellschaft ist natürlich nicht möglich. Denn der Mensch ist nicht nur ein Herdentier, sondern auch ein Individuum, das persönliche Vorlieben und Neigungen hat. Konflikte mit einer Einheitsmoral sind deshalb vorprogrammiert. So gesehen ist Heuchelei das Produkt der Selbstbehauptung des Individuums. Wer als Individuum bestehen will, ist ein Stück weit zur Heuchelei gezwungen. Wer die moralische Idealgesellschaft anstrebt, muss zu autoritären Massnahmen greifen. Der orthodoxe Moralist braucht eine Garde von Sittenwächtern, die hinter die Fassaden des angeblich tugendhaften Lebens schaut und die im Geheimen praktizierten Laster gnadenlos bestraft. Eine absolut tugendhafte Gesellschaft ist letztlich nur mit Terror zu haben. Das wussten schon Robespierre und Saint-Just. Heuchelei ist, wenn man so will, ein sozialpsychologisches Korrektiv gegen allzu aufdringliche Bestrebungen, eine Gemeinschaft auf strenge Regeln festzulegen. Zugleich sorgt sie dafür, dass moralische Normen auch dann ihre Gültigkeit behalten, wenn sich nicht immer alle an sie halten. Wer bei Rot über die Ampel geht, stellt Verkehrsregeln nicht generell infrage, sondern erlaubt sich eine kleine persönliche Ausnahme. Auch Werte muss man nachjustieren Doch Heuchelei hat nicht nur eine sozialpsychologische Funktion, indem sie Moral erträglich macht und festigt. Dadurch, dass sie geltende Normen permanent hinterfragt, sorgt sie zugleich dafür, dass eine Gesellschaft gezwungen wird, ihre Einstellungen und Werte zu überprüfen und gegebenenfalls nachzujustieren. Heuchelei verhindert, dass Gesellschaften normativ erstarren und an sich verändernden Umwelten scheitern. Heuchelei ist der Motor normativer Evolution. Diese Normenhygiene entfaltet die Heuchelei vor allem in mehr oder minder homogenen Gemeinschaften. Typisch ist etwa die Religionsgemeinschaft mit strengen Moralvorstellungen. Dort, wo vergleichsweise einheitliche Moralvorstellungen herrschen, beginnt sie diese zu hinterfragen und schafft dem Einzelnen Freiheitsräume, ohne das gesamte Sozialgefüge zu erschüttern. Besonders deutlich wird diese konstruktive Funktion der Heuchelei in Gesellschaften, in denen Gemeinschaften mit unterschiedlichen Moralvorstellungen nebeneinanderher leben. Sie ermöglicht die Selbstbehauptung verschiedener Moralvorstellungen, ohne dass diese sich angleichen müssten und zu tristen Kompromissformeln verfallen. Das eröffnet den verschiedenen Moralkulturen zugleich den Raum, die jeweils andere zu ertragen, auf Deutsch: zu tolerieren. Der grosse Widerspruch Moderne Gesellschaften verstehen unter Pluralismus jedoch etwas anderes. Ihnen geht es nicht um das Nebeneinanderher verschiedener Kulturen. Den modernen Propagandisten des gesellschaftlichen Pluralismus geht es um die Vielfalt an sich. Aus einer Tatsache wird eine Norm. Damit wird das Anderssein der anderen Kultur selbst zu einem Wert, den die jeweiligen Kulturen in ihre jeweiligen Moralvorstellungen zu integrieren haben. Diversität wird zu einer Art von Moraltransplantat, das den verschiedenen Kulturen eingesetzt und von diesen akzeptiert werden soll. Die Heuchelei hat dabei die Aufgabe, eine Abstossung der fremden Norm zu verhindern. Denn Moralen sind auf innere Homogenität ausgelegt. Pluralismus widerspricht ihrer Logik. Nur mittels Heuchelei lässt sich das Konzept des Pluralismus aufrechterhalten. Unter dem Vorzeichen eines verordneten gesellschaftlichen Pluralismus wird Heuchelei so vom pragmatischen Verhalten eines Individuums zur systemischen Notwendigkeit. Ohne Heuchelei ist der Widerspruch zwischen dem homogenisierenden Anspruch des Pluralismus und der von ihm angeblich geachteten Heterogenität kaum zu kaschieren: Wer Pluralismus predigt, damit aber im Grunde Homogenität meint, wird ohne Heuchelei nicht auskommen. Die Empörung der Toleranten Also wird unter dem Fähnchen der Buntheit faktisch kulturelle Angleichung erzwungen. Die oft fast schon leidenschaftlich beschworene Vielfalt wird dabei zur Folklore herabgestuft. Hummus, Mahshi und Tajine sind als Bereicherungen des Menuplans gern gesehen – doch wehe, der muslimische Nachbar besteht auf seinen sexualethischen Vorstellungen. Dann muss er mit der Empörung der Toleranten und Diversen rechnen. In vorgeblich pluralistischen Gesellschaften wird Heuchelei so vom pragmatischen Individualverhalten zum konstitutiven Moment der Gesellschaftspolitik. Man bejubelt Toleranz, grenzt unliebsame Meinungsäusserungen aber konsequent aus. Man beschwört die Multikulturalität, tritt gegenüber fremden Kulturen aber als moralischer Besserwisser auf. Man beklagt die eigene koloniale Vergangenheit, will die Welt jedoch in neokolonial anmutender Attitüde missionieren. So wird Doppelmoral zur Leitlinie einer Politik, die sich in grundlegende Widersprüche verstrickt hat. Einerseits gibt man sich als Verteidiger gesellschaftlicher Spielregeln wie Demokratie, Selbstbestimmung und Toleranz. Zugleich aber propagiert man gesellschaftspolitische Normen wie Diversität, Genderpolitik und Integration, die man demokratischen Verfahren entzieht und als universal und unhintergehbar darstellt. Der ist kein Demokrat Der klassische Ausdruck von Heuchelei als politischem Prinzip ist es daher, ideologisch genehme Ideale einfach als demokratisch zu kennzeichnen. Über etwas, was demokratisch ist, muss man, so die seltsame Logik, gar nicht abstimmen. Denn wer diese angeblich demokratischen Werte nicht teilt, weil er zum Beispiel für eine restriktive Einwanderungspolitik eintritt, ist kein Demokrat und muss vom demokratischen Prozess ausgeschlossen werden. So untergräbt die Heuchelei als politisches Prinzip die Demokratie, da sie das Messen mit zweierlei Mass zur konstitutiven Praxis erhebt. Diese unlautere Praxis hält kein politisches System auf Dauer aus. Heuchelei, die auf der Ebene individuellen Handelns stabilisierende Funktion hat, wirkt als politisches Prinzip destruktiv. Wir sollten uns davor hüten, uns an sie zu gewöhnen.