Saturday, October 1, 2022

Russlands neue Kamikaze-Drohnen aus Iran schlagen auf dem Schlachtfeld ein – kriegsentscheidend sind sie kaum

Neue Zürcher Zeitung Deutschland Russlands neue Kamikaze-Drohnen aus Iran schlagen auf dem Schlachtfeld ein – kriegsentscheidend sind sie kaum Ivo Mijnssen, Wien - Gestern um 16:40 | Die Kamikaze-Drohnen fliegen mit einer Geschwindigkeit von fast 200 Kilometern pro Stunde und klingen wie ein Motorrad, bevor sie urplötzlich vom Himmel auf die ukrainischen Verteidiger stürzen. «Es ist sehr schwierig, sie auf dem Radar zu entdecken», zitiert die Website «Politico» eine Unteroffizierin, deren Spezialeinheit in der Nähe von Cherson gerade zwei Panzer samt Crews nach einem russischen Angriff verloren hat. «Es ist ein riesiges Problem.» Die neue Gefahr, die über dem Schlachtfeld aufgetaucht ist, verursachte bereits erhebliche Schäden. Mutmasslich von der Krim und aus besetzten Gebieten gesteuerte Drohnen zerstörten unter anderem ein ukrainisches Munitionslager bei Odessa, russische Militärblogger melden auch einen Anschlag auf das südliche Hauptquartier der gegnerischen Streitkräfte. Am Freitag kam es erneut zu Angriffen auf die Stadt und auf Mikolajiw. Kiew nimmt für sich den Abschuss von mehr als 20 dieser unbemannten Flugobjekte in Anspruch. Dies ist allerdings schwer zu überprüfen, da die als Beweis präsentierten Trümmerteile naturgemäss auch vom gezielt herbeigeführten Absturz stammen könnten. Wehrlos sind die ukrainischen Streitkräfte nicht, sie verfügen weiterhin über eine funktionierende Luftverteidigung und Drohnenabwehr-Kanonen. Doch die Militärführung musste einräumen, man sei noch dabei, «effektive Methoden zur Bekämpfung» der neuen Bedrohung zu entwickeln. Laut eigenen Angaben nimmt sie nun die Kommandozentren ins Visier, etwa am Donnerstag eine Drohnen-Kontrollstation in Dawidiw Brid. Drohnen als Schwachpunkt der Russen In den ersten Kriegsmonaten hatten Drohnen als Schwachpunkt von Putins Armee gegolten. Während die Ukrainer mehr als 70 davon abschossen, entfalteten die türkischen Bayraktar auf der gegnerischen Seite eine verheerende Wirkung. Für Aufsehen sorgten auch Angriffe mit Kamikaze-Drohnen weit hinter der Front in Russland und auf der Krim. Ukrainische Soldaten werden an einer Drohnenabwehr-Kanone in der Nähe von Mikolajiw geschult. Um die eigenen Defizite vor allem bei bewaffneten Drohnen zu kompensieren, wandte sich Moskau an Teheran. Iran hat in den letzten Jahren dank einer strategischen Partnerschaft mit China eine starke Industriebasis für Kampfdrohnen aufgebaut. Das Land versorgt damit auch seine regionalen Verbündeten, etwa die Huthi-Rebellen in Jemen. Die Schlagkraft iranischer Drohnen zeigte sich vor drei Jahren bei einem Angriff auf zwei saudische Ölförderanlagen. Russland, dessen eigene Drohnen-Programme durch technische Probleme und sanktionsbedingte Materialknappheit behindert werden, wünschte sich von Iran günstige unbemannte Flugobjekte, die eine ähnliche Wirkung entfalten wie deutlich teurere und in ihrer Menge begrenzte Marschflugkörper. Laut amerikanischen Geheimdienstinformationen besuchte im Juni eine Delegation aus Moskau das Land. Mitte Juli meldeten die USA, Teheran sei trotz seinem offiziell neutralen Status im Ukraine-Krieg bereit, Hunderte bewaffneter und unbewaffneter Drohnen zu liefern. Diese trafen im August ein, über den genauen Zeitpunkt gibt es unterschiedliche Informationen. Als Reaktion auf ihr Auftauchen auf dem Schlachtfeld entzog Kiew dem iranischen Botschafter im September die Akkreditierung. Lowtech-Zerstörung und Informationsbeschaffung Was Russland genau erhalten hat, ist unklar. Die mehrfach abgeschossene Shahed-136-Kamikaze-Drohne, von Moskau mit der Bezeichnung Geran-2 eingesetzt, ist mit einer Spannweite von 2,5 Metern vergleichsweise klein und mit einem Gesamtgewicht von 200 Kilo leicht. Sie kann deshalb nur eine beschränkte Sprengladung tragen, die ein Militärexperte mit einer Artilleriegranate verglichen hat. Ihre Komponenten sind technisch wenig fortgeschritten und laut Kennern grösstenteils frei erhältlich in Elektronikmärkten. Mindestens einmal gelang es den Ukrainern, eine grössere, technisch fortgeschrittenere Mojaher-6-Drohne zu zerstören. Diese kann bis zu vier Raketen oder Bomben tragen und nach einer Mission zurückgeholt werden. Sie erfüllt eine wichtige Aufklärungsfunktion und identifizierte laut russischen Militärspezialisten jene Ziele in Odessa, welche die Kamikaze-Drohnen kurz danach angriffen. Die Ukrainer behaupten, Moskau habe auch die Modelle Shahed-129 und Shahed-191 gekauft. Laut der Website Jamestown können beide mit Präzisionsmunition ausgerüstet werden, die Shahed-191 verfügt über Stealth-Technologie. Die Kombination von zusätzlichen Aufklärungskapazitäten und der Zerstörungskraft von in Schwärmen eingesetzten, die Flugabwehr überfordernden Kamikaze-Drohnen bedeutet eine neue Bedrohung für taktisch bedeutsame, stationäre Ziele in der Ukraine. Deren Streitkräfte verfügen grösstenteils über die gleichen sowjetischen Systeme zur Luftverteidigung wie die Russen, die zumindest zu Beginn des Krieges Mühe hatten, grosse und relativ langsame Drohnen wie die Bayraktar zu identifizieren und zu bekämpfen. Ähnliche Probleme könnten sich den Ukrainern mit den iranischen Modellen stellen. Bei den billigen Kamikaze-Drohnen stellt sich zudem die Frage, ob sich die Verwendung teurer Abwehrraketen gegen sie lohnt. Experten gehen dennoch davon aus, dass die iranischen Drohnen den Ukrainern zwar Probleme und Verluste bereiten, aber kein entscheidender Faktor auf dem Schlachtfeld sein werden. Sie weisen dabei auf ihre begrenzte Zahl und fehlende technische Integration in die russischen Systeme hin. Eine intensivere Zusammenarbeit würde zudem die Präsenz iranischer Militärangehöriger in der Kampfzone notwendig machen, was Teheran wegen der damit verbundenen politischen Risiken wohl vermeiden will. Forderung nach neuen Abwehrwaffen Die Ukrainer verleihen dennoch ihrer Forderung nach der Lieferung westlicher Luftverteidigungssysteme Nachdruck. Präsident Selenski hat auch Israel öffentlich dafür kritisiert, nicht mehr zu tun, da das Land über die grösste Erfahrung bei der Bekämpfung iranischer Drohnen verfügt. Laut Informationen des «Guardian» besuchte aber eine hohe israelische Vertreterin im September Kiew, um über das Thema zu diskutieren. Die Unteroffizierin der Spezialeinheit bei Cherson sieht vor allem eine Notwendigkeit neuer Waffenlieferungen aus den USA: So verfügten sie zwar über Stingers, diese könnten aber wegen eines fehlenden Nachtsichtsystems nur tagsüber gegen Drohnen eingesetzt werden. Zudem brauche die ukrainische Armee modernere Radarsysteme, um gleichzeitige Bedrohungen von verschiedenen Seiten im Auge zu behalten. Der Lieferung fortgeschrittener Switchblade-600-Drohnen hat Washington bereits zugestimmt. Allerdings dürfte es dauern, bis diese auf dem Schlachtfeld ankommen.