Wednesday, October 26, 2022
Warum Kardinal Faulhaber verschwindet
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Warum Kardinal Faulhaber verschwindet
Patrick Bahners - Vor 4 Std.
Der Münchner Erzbischof und Kardinal Michael Faulhaber weiht Mitte der Dreißigerjahre Missionsfahrzeuge am Flughafen München.
Der Stadtrat von Würzburg hat die Umbenennung des Kardinal-Faulhaber-Platzes beschlossen. Michael von Faulhaber, von 1917 an Erzbischof von München und Freising, starb am 12. Juni 1952; schon drei Wochen später erfolgte die Widmung des Platzes in der Würzburger Altstadt. Für die Entwidmung votierten jetzt 27 Stadträte; nur vierzehn stimmten für die Vorlage der Stadtverwaltung, die eine „Kontextualisierung“ der Platzschilder vorsah. Die Mehrheit setzte sich auch über den Ratschlag der vier Experten hinweg, die am 28. Juni auf Einladung der Stadt diskutiert hatten.
Zum Fall Faulhaber hatte die städtische Kommission zur Überprüfung von Straßennamen keine Beschlussempfehlung abgegeben, sondern ein öffentliches Fachgespräch angeregt, in dem die geladenen Fachleute „vermutlich unterschiedliche Standpunkte“ vertreten würden. Bei allen Unterschieden in der Deutung von Faulhabers Einstellung zu den Juden oder seinen Bemühungen, die Freiheit der Kirche im NS-Staat gemäß den Zusagen des Reichskonkordats zu sichern, stellten sich die Podiumsredner am 28. Juni in der Frage, ob Faulhabers Name getilgt werden soll, auf denselben Standpunkt. Besonderes Gewicht hatte das Votum von Andreas Wirsching, dem Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, das die Edition von Faulhabers umfangreichen Tagebüchern veranstaltet, in denen man den Vorurteilen, aber auch Ängstlichkeiten des Kirchenfürsten unbehaglich nahekommt.
In Aufsätzen hat Wirsching Faulhabers Handeln und Nichthandeln mit der ihm eigenen Deutlichkeit kommentiert und dabei auch moralisches Versagen markiert. Aus dieser wissenschaftlichen Beurteilung folgt für ihn aber nicht die Notwendigkeit politischer Verurteilung. Sein Plädoyer gegen die Umbenennung war eine Warnung vor der Selbstgerechtigkeit der demokratischen Nachgeborenen und vor der Verwischung von Kategorien: Das Unterlassen von Opposition aus Überschätzung der Widerstandskraft der eigenen Organisation ist etwas anderes als Unterstützung des NS-Regimes. Faulhabers eigentliche Heimat, so Wirschings Resümee, sei die Kirche gewesen, was sich nach 1933 als Stärke und Schwäche zugleich erwiesen habe.
T
Der Sinn dafür, dass die Kirche eine mit der Staatstreue konkurrierende Loyalität auf sich zieht, dürfte heute auch in Bayern verkümmert sein; in der Missbrauchskrise klagen die frömmsten Katholiken darüber, dass ihnen die Kirche keine Heimat mehr sei. Das Problem beim Urteil über Faulhaber ist in Wirschings Worten die mit der Rollenerwartung an einen Bischof gegebene Fallhöhe. Sie war jetzt für Faulhabers postumes Schicksal mitentscheidend. Auch das Handeln der Würzburger Stadträte verdient nachsichtige Beurteilung. Sie haben eine politische Entscheidung getroffen, und je prominenter der Name auf einem Straßenschild ist, desto mehr wird es auf Symbolik ankommen statt auf Abwägung von Einzelheiten eines Lebenslaufs. Dass Faulhaber aus dem Würzburger Stadtbild verschwindet, ist ein Beleg für den Zusammenbruch des Ansehens der katholischen Kirche.