Wednesday, October 26, 2022

Türkei: Mehr als 1000 Jahre Haft im Prozess um tote Migranten

DER SPIEGEL Türkei: Mehr als 1000 Jahre Haft im Prozess um tote Migranten Alwin Schröder - Gestern um 14:04 | Vor zwei Jahren starben 61 Migranten auf einem Boot im Osten der Türkei. Gegen einen der angeklagten Kapitäne wurde jetzt in einem Prozess eine drakonische Strafe verhängt, die anderen Angeklagten freigesprochen. Ein Gericht in der Türkei hat einen Mann zu mehr als 1000 Jahren Haft verurteilt. In dem Prozess ging es um ein Bootsunglück im Juni 2020 bei einer Überfahrt auf dem Van-See im Osten des Landes. 61 Migranten kamen damals ums Leben, unter ihnen war nach Angaben der staatsnahen Nachrichtenagentur DHA auch ein Kind. Die weiteren Angeklagten in dem Verfahren wurden freigesprochen. Der Verurteilte war Kapitän an Bord und saß seit zwei Jahren in Untersuchungshaft. Er wurde nach Angaben der Agentur wegen der gestorbenen 60 erwachsenen Flüchtlinge zu 60 mal 16 Jahren und 8 Monaten, wegen des verstorbenen Kindes zu 25 Jahren und wegen »Schleusung von Migranten« zu 8 Jahren verurteilt, insgesamt also zu 1033 Jahren. Zu Beginn des Prozesses standen demnach zwölf Personen vor Gericht. Sie mussten sich unter anderem wegen des Schmuggels von Migranten und fahrlässiger Tötung verantworten. Medienberichten zufolge stammten die Ertrunkenen aus Afghanistan, Pakistan und Iran. Mit einer Uferlänge von etwa 576 Kilometern ist der Van-See einer der größten Gebirgsseen der Erde. Er ist mehr als 450 Meter tief und liegt teils in der türkischen Provinz Bitlis und teils in der Provinz Van, die an den Iran grenzt. Von dort kommen regelmäßig Flüchtlinge über die Grenze, um in Richtung Europa weiterzureisen. »Ocean Viking« rettet weitere Bootsmigranten Die zivilen Seenotretter der »Ocean Viking« haben derweil erneut in Not geratene Bootsmigranten im Mittelmeer an Bord geholt. Die Crew habe in der Nacht zu Mittwoch fast 60 Männer, Frauen und unbegleitete Minderjährige in internationalen Gewässern nahe der italienischen Insel Lampedusa gerettet, teilte die Organisation SOS Méditerranée auf Twitter mit. Die Menschen waren demnach auf einem überfüllten Holzboot unterwegs. Nach vorherigen Rettungen befanden sich auf der »Ocean Viking« damit insgesamt rund 200 Gerettete. Derzeit ist außerdem ein Schiff der deutschen Hilfsorganisation SOS Humanity im Mittelmeer mit 180 Menschen an Bord unterwegs, die auf dem Weg von den Küsten Nordafrikas in Richtung EU in Seenot gerieten. Die Organisationen bitten meist bei den Behörden der EU-Länder Italien und Malta um einen sicheren Hafen, damit die Leute dort an Land gehen können. Oft müssen sie lange warten, ehe ihnen gestattet wird, in einen Hafen einzulaufen, meist in Italien.