Wednesday, October 26, 2022

Kapitulation führt nicht zum Frieden: Serhij Zhadan warnt vor einem «falschen Pazifismus»

Neue Zürcher Zeitung Deutschland Kapitulation führt nicht zum Frieden: Serhij Zhadan warnt vor einem «falschen Pazifismus» Alexander Kissler, Berlin - Sonntag Wer von Serhij Zhadan eine pazifistische Rede erwartet, der kennt Serhij Zhadan nicht. Auch als der ukrainische Schriftsteller an diesem Sonntag in Frankfurt am Main den mit 25 000 Euro dotierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält, hat er keine Schalmeientöne im Gepäck. Das wäre wohl auch zu viel verlangt für den Abgesandten eines Volkes, das seit dem russischen Überfall im Februar dieses Jahres um sein Überleben kämpft. Eine knappe halbe Stunde dauerte die auf Deutsch gehaltene Dankesrede Serhij Zhadans in der Frankfurter Paulskirche. Aus Zhadan, dem Dichter von Weltrang, wurde der Chronist einer Eskalation, die er früh kommen sah, die ihn jetzt wütend macht, zornig, verzweifelt, aber keineswegs stumm. «Doch sprechen muss man», sagte er in der Frankfurter Paulskirche auf Deutsch, «selbst in Zeiten des Krieges. Gerade in Zeiten des Krieges.» Das Reden werde jedoch ebenso erschwert wie das Atmen, wenn der Krieg «wie der Stiefel eines Eindringlings, eines Fremden» neben dem eigenen Land den «Ameisenhaufen des Sprechens» beschädige. Zhadan sieht die Gefahr, dass die Ukraine sich der Welt nicht mehr verständlich machen könne. Das totale, enthemmte Böse Es klang, als habe er gewisse deutsche Debatten im Blick mit der melancholischen Frage, «müssen wir unser Recht auf Existenz in dieser Welt in Erinnerung rufen, oder ist dieses Recht offensichtlich und unantastbar?» Manche Europäer, Intellektuelle wie Politiker, hielten den Ukrainern ihre Weigerung vor, sich zu ergeben. Daraus spreche ein falscher Pazifismus, die unethische Bereitschaft der Welt, zugunsten persönlicher materieller Vorteile «ein weiteres Mal das totale, enthemmte Böse zu schlucken». Dieser Satz, ausgesprochen in Deutschland aus Anlass eines Preises, der 1950 auf den Ruinen des von Deutschen entfesselten Zweiten Weltkriegs entstand, war die denkbar klarste moralische Botschaft an das Publikum vor ihm und an die globale Öffentlichkeit. Appeasement mit einem Aggressor, heisst das, nutzt nur dem Aggressor. Die ukrainische Realität sei momentan eine Realität der Lager, der zerstörten Städte, der ausgebombten Schulen. Darum erinnerte Zhadan an den bekannten, gewissermassen altpazifistischen Satz, es gebe ohne Gerechtigkeit keinen Frieden. Die «Anhänger eines um jeden Preis schnell geschlossenen Friedens» hingegen wichen dieser Frage aus. Sie übersähen, dass gerade kein Friede eintrete, «wenn das Opfer der Aggression die Waffen niederlegt. Die Zivilbevölkerung in Butscha, Hostomel und Irpin hatte überhaupt keine Waffen. Was die Menschen nicht vor einem furchtbaren Tod bewahrt hat.» Im Krieg kann man nicht atmen Der vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels verliehene Preis ging schon an Hermann Hesse, Theodor Heuss, Nelly Sachs, Max Frisch, Susan Sontag oder unlängst die Schriftstellerin Tsitsi Dangarembga aus Simbabwe – allesamt Theoretiker oder Praktiker der Verständigung. Zhadan sticht aus dieser Reihe insofern hervor, als er in der Kultur einen Teil des ukrainischen Befreiungskampfes sieht und in den Invasoren nur Abschaum, Unrat, Barbaren, Verbrecher: «Die Russen verüben einen Genozid gegen uns. Sie sind gekommen, um uns zu vernichten.» So steht es in seinen Notizen aus dem Krieg, die der Suhrkamp-Verlag soeben unter dem Titel «Himmel über Charkiw» publizierte. In Frankfurt griff Zhadan zum melancholischen Sarkasmus und formulierte: Die «uns unter dem Vorwand des Friedens angetragene, sanfte und diskrete Form der Kapitulation» sei nun einmal nicht der «geeignete Weg zu einem friedlichen Leben und zum Wiederaufbau unserer Städte». Der Börsenverein prämiert neben dem künstlerischen Werk Zhadans «humanitäre Haltung, mit der er sich den Menschen im Krieg zuwendet und ihnen unter Einsatz seines Lebens hilft». Auch davon ist in den Kriegsnotizen die Rede, und dieser Spur ging Zhadans Frankfurter Laudatorin Sasha Marianna Salzmann nach. Die aus dem ehemals sowjetischen Wolgograd stammende, in Moskau aufgewachsene Theaterautorin rühmte die «verführerische Energie von Serhij Zhadans Arbeit». Der Prämierte befinde sich «mitten unter seinen Leuten». Er schreibe und spreche «sozusagen aus deren Lunge heraus. In Zhadans Poesie holt die ukrainische Gesellschaft Luft.» Tatsächlich diagnostizierte Zhadan in seiner Dankesrede, im Krieg könne man kaum atmen. Das «Gefühl der zusammengepressten Luft» sei allgegenwärtig, derart schwer laste die Wirklichkeit. Zhadan liebt die Ukraine Ein Symphoniker des Lichts ist Zhadan, der promovierte Literaturwissenschafter und Germanist, in seinen Romanen, vor allem im Meisterwerk von 2010, «Die Erfindung des Jazz im Donbass». Einer der vielen skurrilen Zhadanschen Romanhelden, der, wie er sich selbst nennt, unabhängige Werbeexperte Hermann, ein 33-jähriger Streuner und Träumer mit einem grossen Herzen, kehrt zurück an die Stätte seiner Kindheit, aus der auch Zhadan selbst stammt, ins Grenzgebiet der mittlerweile russisch besetzten Region Luhansk. Da gibt es das heimatliche Tal aus «Sonne, Sand und Maulbeerbäumen», «das Wasser und das Grün, das lichtdurchflutete Gras, die Krume und die Seen, die Himmel und die Gasfelder», und plötzlich beginnt dieser für den Roman so zentrale Oktober «mit Sonne und Schatten, Sandstürmen und üppig verwelkendem Grün». Zhadan liebt die Ukraine. Der Held Hermann verteidigt auf einer Anhöhe die Tankstelle seines verschollenen Bruders gegen kriminelle Clans, gegen andringende Bauern, Schieber und Schmuggler. Wirklichkeiten reihen sich an Phantasien, surreale Szenen an präzise Milieustudien. Der Roman ist musikalisch geprägt – nicht zufällig singt und spielt der 1974 geborene Zhadan in einer Rockband –, ist ein Schelmenstück vor bitterer Geschichte und insofern durch und durch ukrainisch. Im Oktober zeigt sich das riesige Land, wie es wirklich ist: «Nach allen Seiten dehnten sich nackte Schwarzerdegebiete, am Horizont erhoben sich rote Kiefern. Die Luft war wie aus Gerüchen und Spiegelungen gewebt, als wäre sie nicht Luft, sondern Fahnen, die unter der Sonne brannten und im Oktoberwind flatterten.» Dass Zhadan neben Erzählungen Gedichte schreibt, kommt seinen Romanen zugute, ohne dass sie ins Hermetische oder plump Pathetische abglitten. Das gilt erst recht für das fiktionale Dokument des im Westen weitgehend vergessenen Kriegs in der Ostukraine, der 2014 mit der russischen Annexion der Krim begann. Nicht die Gefallenen vergessen Im Roman «Internat» von 2017 will Pascha, ein betulicher Lehrer, durch eine belagerte Grenzstadt im Donbass, um seinen Neffen aus dem Internat zu holen. Liest man die Schilderungen eines grausamen Krieges mit verwirrenden Frontlinien und kollabierender Staatlichkeit heute, stellt sich eine bittere Erkenntnis ein: Die Ukraine blutet seit fast einem Jahrzehnt, und die meisten westlichen Politiker hatten sich damit abgefunden. Wie es in «Internat» heisst: «Der Himmel beginnt zu brennen und will nicht erlöschen.» Aus diesem historischen Hintergrund speist sich Zhadans Frankfurter Unverständnis über eine Welt, die sich manchmal schwer damit tue, «eine einfache Sache zu verstehen»: «Wir unterstützen unsere Armee nicht deshalb, weil wir Krieg wollen, sondern weil wir unbedingt Frieden wollen.» Man müsse die Dinge klar benennen, und ein Verbrecher sei nun einmal ein Verbrecher, Niedertracht sei Niedertracht und ein «eingefrorener Konflikt» kein Friede, kein echter Friede, kein Friede mit Sicherheit und Perspektive. In «Himmel über Charkiw» schreibt Zhadan: «Wir müssen unseren Kindern das Wichtigste weitergeben: unsere Kultur und unsere Waffen.» Wollte man das formal vielgestaltige, inhaltlich vielschichtige Werk dieses begnadeten Erzählers auf einen gemeinsamen Nenner bringen, den Zhadan vor und den Zhadan nach der Invasion, so bietet sich ein Satz aus den letzten Seiten der «Erfindung des Jazz» an. Dort sagt ein Priester zur Hauptfigur Hermann: «Tu, was du getan hast. Ignoriere nicht die Lebenden. Und vergiss nicht die Toten.» In der Paulskirche schloss Zhadan mit der Hoffnung, nach dem Krieg eine neue Sprache finden zu können. Dann würden aus den Namen der Gefallenen «unsere Wörterbücher» entstehen.