Tuesday, November 23, 2021
Handel: Deutsche Firmen rücken von China ab – und gehen nach Osteuropa
DER SPIEGEL
Handel: Deutsche Firmen rücken von China ab – und gehen nach Osteuropa
Viele deutsche Firmen sehen laut einer Umfrage China immer skeptischer – und suchen nach Alternativen zur »Werkbank der Welt«. Das bietet womöglich besondere Chancen für Länder in Osteuropa.
Die Materialengpässe treffen nach Angaben der deutschen Industrie den Welthandel immer stärker – und damit auch exportorientierte Firmen aus Deutschland. Mehr als die Hälfte von ihnen berichtet laut einer Umfrage von Problemen in Lieferketten und Logistik, erklärte der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) am Dienstag zur Studie unter 3200 deutschen Firmen im Ausland. Dies seien viel mehr als noch im Frühjahr.
»Eine steigende weltweite Nachfrage trifft derzeit auf zu geringe Produktionskapazitäten und Transportprobleme«, erläuterte DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier. Viele Firmen reagierten mit der Suche nach neuen Lieferanten oder wollten Produktion verlagern. Dies falle Mittelständlern schwerer als großen Konzernen.
Rund 30 Prozent beklagen fehlende Waren und Dienstleistungen, jedes fünfte Unternehmen leidet unter eigenen Produktionseinbußen etwa durch Krankheitsausfälle. Gründe für die Probleme seien etwa der Mangel an Containern und Frachtkapazitäten auf Schiffen sowie Produktionsausfälle. »Die Lieferkettenstörungen gehen aber auch auf gravierende handelspolitische Verwerfungen zurück, wie zum Beispiel auf Vorschriften des Zwangs zu lokaler Produktion«, sagte Treier.
Eine Chance für... die Ukraine?
Dies gelte etwa für China, wo deutsche Firmen versuchten, den Wertschöpfungsanteil ihrer Waren mit Produkten vor Ort zu erhöhen. Für kleinere und mittlere Unternehmen werde dies zunehmend schwieriger. Treier machte aber auch klar. »Das Land und der Markt sind zu groß, als dass sie es leichten Herzens aufgeben können.« Mittelständler würden deshalb vor allem andere Lieferanten suchen – aus Asien, aber nicht aus China.
Vom Trend, die Lieferketten zu diversifizieren oder die Transportwege zu verkürzen, profitiert auch Osteuropa. So werden laut Treier Standorte wie die Ukraine und Serbien attraktiver. Dies gelte auch für die Türkei, wobei dort der Währungsverfall und das Thema Rechtssicherheit für Probleme sorgten.
Rund 54 Prozent der Unternehmen planen, Lieferketten anzupassen oder haben dies bereits getan. Von diesen Firmen suchen fast drei Viertel neue oder zusätzliche Lieferanten und ein Drittel plant, die Lieferwege zu verkürzen oder zu verändern. Rund 15 Prozent haben vor, die eigene Produktion zu verlagern. Besonders gravierend ist die Lage nach dem Brexit für deutsche Firmen in Großbritannien. »Hier müssen insgesamt 77 Prozent der Unternehmen ihre Lieferketten anpassen.«