Sunday, November 7, 2021

Chinas Vorwurf der „historischen“ Schuld gilt nicht mehr

WELT Chinas Vorwurf der „historischen“ Schuld gilt nicht mehr Daniel Wetzel vor 9 Std. | Der Erfolg der 26. Klimakonferenz wird an vielen Kriterien messen. Zeigt sich die Weltgemeinschaft noch ambitioniert genug beim CO₂-Sparen? Funktionieren die Finanztransfers, die es den Entwicklungsländern ermöglichen, ihre Wirtschaft klimaneutral umzubauen? „Am Ende wird nur eine Frage im Klimaschutz entscheidend sein: Was macht China?“, meint WELT-Autor Daniel Wetzel. Umweltaktivisten demonstrieren zu tausenden in Glasgows Straßen, fordern „Taten statt Worte“ und einen „Systemwechsel“, doch zielen sie dabei stets nur auf die westlichen Industriestaaten. Das wird nicht reichen. Denn am Ende wird nur eine Frage im Klimaschutz entscheidend sein: Was macht China? Während der CO₂-Ausstoß in den entwickelten OECD-Ländern bereits sinkt, vervielfachte die Volksrepublik ihre Emissionen innerhalb weniger Jahre. Sie steht jetzt allein für rund ein Drittel der globalen Emissionen und – gemeinsam mit Indien – für praktisch den gesamten Zuwachs an Treibhausgasen in der Atmosphäre. Das Land emittiert auch pro Kopf mehr als die Bürger der Europäischen Union und will den Ausstoß noch bis 2030 weiter erhöhen. Nachdem Staatschef Xi Jinping vor Glasgow zugesagt hatte, den CO₂-Ausstoß des Landes bis 2060 auf netto Null zu senken, war die Euphorie zunächst groß. Doch jetzt macht sich Ernüchterung breit: Beim Treffen von 120 Staatschefs zur Konferenzeröffnung fehlte Xi. In Paris war China 2015 noch mit 326 Delegierten vertreten, nach Glasgow schickte Peking diesmal nur 60 und damit nur halb so viele wie, zum Beispiel, Deutschland. Den hier gefeierten Absichtserklärungen zum Ausstieg aus der Kohlenutzung und zur Senkung der Methan-Emissionen trat China nicht bei. Chinas Rolle beim Klimawandel Als Sprachrohr der Schwellenländer bemühte China auf den UN-Klimakonferenzen stets das Argument der „historischen Schuld“: Der Westen trage durch seine Industrialisierung allein die Verantwortung für die Erderwärmung – und müsse dafür geradestehen. Milliardentransfers in die Entwicklungs- und Schwellenländer ließen sich so rechtfertigen, ebenso so das eigene Bremsen im Klimaschutz. Doch jetzt ändert sich Chinas Rolle. Der Vorwurf der historischen Schuld trägt nicht mehr, wenn er von einem Land vorgebracht wird, das die USA wirtschaftlich bald überholt, die Wachstumsraten des Westens in den Schatten stellen und weltweit milliardenschwere Infrastrukturen für eine „neue Seidenstraße“ zusammenkauft. Ohne starke Emissionsminderung dürfte China schon zur Mitte des Jahrhunderts auch gemessen an allen historischen Emissionen der Hauptverantwortliche des Klimawandels sein. In der Abwesenheit einer übergeordneten Macht funktioniert in der anarchistischen Staatenwelt nur das Spiel von „shame and blame“. Die Aussicht, für das Nichtstun vor der Weltöffentlichkeit blamiert und an den Pranger gestellt zu werden, hatte 2015 in Paris Erfolg: China trug das Weltklimaabkommen damals mit. Eine ähnlich deutliche Konfrontation findet heute nicht statt. Das „dröhnende Schweigen“ Chinas auf der Weltklimakonferenz wird lieber überhört – bislang auch von den demonstrierenden Klima-Aktivisten auf den Straßen von Glasgow.