Monday, April 25, 2022
Yuriy Gurzhys Kriegstagebuch (26): Klavierstunden bei Boris Yurievitsch in Saltivka
Tagesspiegel
Yuriy Gurzhys Kriegstagebuch (26): Klavierstunden bei Boris Yurievitsch in Saltivka
Yuriy Gurzhy - Gestern um 17:58
Der ukrainische Autor, DJ und Musiker Yuriy Gurzhy lebt seit 1995 in Berlin. Hier schreibt er, wie er den Krieg in der Ukraine verfolgt.
Ich bin meinen Eltern für ihre Hartnäckigkeit dankbar – genauer gesagt, für ihren Wunsch, mir das Klavierspielen beizubringen. Damit waren sie äußerst konsequent. Bereits mit sechs Jahren musste ich die Musikschule besuchen, und zwar fünfmal pro Woche. Ich bewundere Kinder, die sowas aushalten, ich konnte es jedenfalls nicht. Als die Grundschule dazukam, erklärte ich meiner Mutter und meinem Vater, beides wäre mir zu viel. Mit der Musikschule war dann erstmal Schluss.
Aber meine Eltern ließen nicht locker, ein Jahr später haben sie eine private Musiklehrerin gefunden. Zu ihr musste ich nur dienstags und donnerstags, das war schon mal nicht schlecht. Sie glaubte an mich und mein Talent, obwohl ich, ehrlich gesagt, kein fleißiger Schüler war.
Saschas alte Schule hat ein Riesenloch in der Mitte
Als Kind fand ich Musik langweilig und die Stücke, die ich spielen musste, doof. Chopin, Tschaikowsky, Schubert – sie alle ließen mich kalt. Meine Lehrerin Bella Abramovna war zwar lieb, aber auch von ihr habe ich mich nach einigen Jahren verabschiedet. Trotzdem gab meine Mutter nicht auf. Die Suche nach dem perfekten Klavierlehrer ging weiter, bis sie auf Boris Yurievitsch stieß. Er war ganz anders als alle Pädagogen, die ich vor ihm kennen lernen durfte. Er wirkte entspannt, lachte viel, und was mich bei unserer ersten Stunde besonders beeindruckte: Er konnte auf dem Klavier alles spielen – auch ohne Noten. Ich meine, alles!
Ich war 13 und hatte mich in die Musik der Beatles und der Stones verliebt, mein Opa schenkte mir drei Beatles-Platten zum Geburtstag. Ich hörte sie rauf und runter und träumte, etwas davon auch auf dem Klavier spielen zu können, aber weder die Charkiwer Musikschulen noch Bella Abramovna hätten mir das anbieten können. Doch Boris Yurievitsch – Hornbrille, Schnurrbart, Grinsen – war bekannt, seinen Schülern selbst Noten zu schreiben. Und dann brachte er uns bei, wie wir das ebenfalls machen können. Dafür war ich bereit, nach Saltivka zu fahren, obwohl es 40 Minuten Fahrt mit Umsteigen bedeutete. Aber das war es wert!