Friday, August 19, 2022
Piloten schlafen im Cockpit ein und verpassen den Flughafen
WELT
Piloten schlafen im Cockpit ein und verpassen den Flughafen
Gerhard Hegmann - Vor 5 Std.
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Vielleicht trug die Startzeit frühmorgens um halb vier zu dem gefährlichen Zwischenfall bei. Auf einem Flug von Ethiopian Airlines sind an Bord beide Piloten im Cockpit eingeschlafen und überflogen den Zielflughafen in Addis Abeba in gut elf Kilometer Höhe.
Der Autopilot der Boeing 737-800 hatte die Maschine automatisch zum Zielort gesteuert. Nachdem die Maschine nicht auf der Piste aufgesetzt hatte, schaltete sich der Autopilot aus und löste ein Warnsignal aus. Dadurch wachte die Crew auf und leitete dann den Sinkflug ein, berichtet der Branchendienst Aviation Herald.
Den Piloten von Flug ET-343 aus dem Sudan in die Hauptstadt Äthiopiens gelang dann eine reibungslose Landung. 25 Minuten zuvor hatte die Crew den Flughafen noch in großer Höhe passiert. Wie der Branchendienst schreibt, hatte die Flugaufsicht zuvor mehrmals vergeblich versucht, die Piloten über Funk zu erreichen. Sie stammen angeblich aus Bolivien und Nigeria und wurden nach dem Zwischenfall zunächst beurlaubt.
Erst im Mai ereignete sich ein ähnliches Vorkommnis über Südfrankreich. Die Crew eines Airbus der italienischen Airline ITA Airways – Nachfolgerin von Alitalia – reagierte mehr als zehn Minuten nicht auf Funkkontaktversuche.
Dem Kapitän auf dem Langstreckenflug von New York nach Rom wurde danach vorgeworfen, er sei eingeschlafen, was er bestritt. Die französische Flugkontrolle hatte bereits zwei Kampfjets losgeschickt – ein übliches Vorgehen in Europa, wenn sich kein Kontakt zu den Piloten aufbauen lässt.
In Datenbanken zu Luftfahrtzwischenfällen finden sich einige Vorkommnisse, bei denen die Crew ein Nickerchen am Steuerknüppel macht, während der Autopilot die Maschine steuert. So hatte 2012 ein Pilot von Transavia auf einem Flug von Ägypten nach Amsterdam Schwierigkeiten nach einem Gang auf die Toilette ins Cockpit zurückzukehren.
Sein Co-Pilot war laut Berichten eingeschlafen und öffnete zunächst nicht die Tür. 2009 flog ein Airbus von Northwest Airlines in den USA über 240 Kilometer über den Zielflughafen hinaus. Experten vermuten, dass die Piloten eingeschlafen waren.
Zwei schlafende Piloten sind selten
Es gibt auch den umgekehrten Fall mit schlafenden Fluglotsen, wie ein glimpflich verlaufender Zwischenfall im März 2011 mit zwei Maschinen in Washington zeigt. Die US-Flugaufsicht FAA erließ daraufhin strengere Regeln für die Ruhepausen der Fluglotsen.
Seit Jahren wird das Thema übermüdeter Piloten durch Schichtdienste, Langstreckenflüge und Zeitverschiebungen zwischen Gewerkschaften, Fluggesellschaften und Aufsichtsbehörden diskutiert. Zuletzt wurden in der EU 2014 Eckwerte über die Einsatzzeiten und Ruhepausen festgelegt.
Wie Matthias Baier, Sprecher der Vereinigung Cockpit auf Anfrage sagt, müssen für die Piloten in Europa mindestens zehn Stunden Ruhepause zwischen zwei Flügen eingehalten werden. Dass zwei Piloten einschlafen, wie offensichtlich bei Ethiopian Airlines, sei ein extremer Einzelfall.
Häufig hätten Fluggesellschaften interne Regelungen, dass der Pilot oder Co-Pilot für 20 bis maximal 45 Minuten in Flugphasen mit relativ wenig Arbeitsbelastung ein kleines Nickerchen im Cockpit machen darf, in der Expertensprache ein „Controlled Rest“.
Auch die Lufthansa habe diese Regelung. Die Flugsicherheitsbehörde EASA befürwortet diese Nickerchen im Cockpit. „Die kontrollierte Ruhezeit ist eine Gegenmaßnahme zur Bewältigung unerwarteter Ermüdung“, heißt es bei der Behörde mit Sitz in Köln.
Zu den internen Regelungen bei Airlines in Europa gehöre häufig auch, dass die Kabinenbesatzung alle halbe Stunde mit dem Cockpit Kontakt aufnimmt, ob dort alles in Ordnung sei, sagt der Sprecher der Vereinigung Cockpit.
Im Boeing Jumbo-Jet 747 gab es sogar einen automatischen Wecker, der Alarm schlug, wenn innerhalb von 45 Minuten kein Schalter im Cockpit bewegt wurde. Bei größeren Langstreckenflügen sei häufig weiteres Cockpitpersonal an Bord, damit die maximale Arbeitszeit nicht überschritten wird, heißt es in der Branche.