Monday, August 22, 2022

Land der obdachlosen Normalverdiener – Amerika gehen die Wohnungen aus

WELT Land der obdachlosen Normalverdiener – Amerika gehen die Wohnungen aus Stefan Beutelsbacher - Vor 6 Min. | Der Ort Atherton in Kalifornien ist beschaulich. 7500 Einwohner, ein Golfclub, eine Schule, ein kleiner Park. Im Schatten alter Eichen stehen Villen mit Pools und breiten Hofeinfahrten. Doch in diesem Sommer wurde Atherton zum Schauplatz eines Streits. Überall im Land stehen Zeltlager. Auf der einen Seite: der Stadtrat, der preiswerte Reihenhäuser für einkommensschwache Familien plante, um die Wohnungsnot in der Gegend zu lindern. Auf der anderen: die Bürger, die lieber unter sich bleiben wollten. Atherton liegt im Herzen des Silicon Valley, die Zentralen von Google, Apple und Facebook sind nicht weit. All diese Unternehmen fördern den Bau neuer Wohnungen in Kalifornien öffentlichkeitswirksam mit Millionensummen. Doch privat wehren sich viele Manager offenbar dagegen. In Atherton fürchteten einige um die alten Eichen, andere um ihre Grundstückspreise. Es gab die Sorge vor mehr Lärm und mehr Verkehr. Der Widerstand war so groß, dass der Stadtrat am Ende einknickte. Die Reihenhäuser wurden nicht genehmigt. Es ist ein Triumph der Nimbys. Die Abkürzung steht für „Not in my backyard“ und beschreibt Menschen, die wissen, dass manche unschöne Dinge gebaut werden müssen – aber bitte nicht in ihrem „Garten“. In Deutschland kämpfen Nimbys zum Beispiel gegen Windräder, in Kalifornien oft gegen günstigen Wohnraum. Gegen alles, was nicht Einfamilienhaus ist und die Ruhe stören oder die Sonne abschirmen könnte. Vier Millionen Häuser und Apartments fehlen Die Nimbys gelten als ein Grund dafür, dass im Silicon Valley und im nahen San Francisco Mieten und Immobilienpreise astronomisch hoch sind. 35.000 Menschen leben dort auf der Straße. Selbst Normalverdiener – Polizisten, Krankenpfleger, Lehrer – können sich oft keine Wohnung leisten. Manche hausen in umgebauten Lieferwagen, andere nehmen stundenlanges Pendeln in Kauf. Und dieses Problem haben nicht nur die Kalifornier. „Überall in den USA“, sagt Mike Kingsella, Chef der Organisation Up for Growth, „mangelt es an Wohnraum.“ Kingsellas Team hat errechnet, dass dem Land fast vier Millionen Häuser und Apartments fehlen. Vor zehn Jahren waren es den Experten zufolge nur rund eineinhalb Millionen. „Die Wohnungsnot“, sagt Kingsella, „ist aktuell Amerikas größte wirtschaftliche und soziale Krise.“ Der Kauf eines Hauses, eigentlich Teil des „American Dream“, ist für Millionen Bürger unerschwinglich geworden. In den vergangenen drei Jahren stiegen die Preise um 46 Prozent, wie Daten des Immobilienverbands National Association of Realtors zeigen. Zugleich liegen die Hypothekenzinsen inzwischen deutlich über der Marke von fünf Prozent, so etwas gab es zuletzt vor der Finanzkrise von 2008. Auch die Mieten steigen, man zahlt derzeit 23 Prozent mehr als im Sommer 2019. All das ist eine Gefahr für die amerikanische Wirtschaft. Denn wer mehr Geld für das Wohnen ausgeben muss, hat weniger für den Konsum. Oft ist die Lage ausgerechnet dort besonders schlimm, wo die Demokraten reagieren – eine Partei, die immer wieder verspricht, für sozial Schwache zu kämpfen. Im Silicon Valley zum Beispiel stimmten bei der Präsidentenwahl 2020 mehr als 70 Prozent der Bürger für Joe Biden. Flächennutzungspläne sind veraltet Woran liegt es, dass so viel Wohnraum fehlt? Ein Grund: Corona und das Homeoffice. Viele Amerikaner wollten zu Beginn der Pandemie mehr Platz und tauschten ihre Apartments in New York, Chicago oder Detroit gegen Häuser im Grünen. Es gab eine Flucht nach „Suburbia“, in die Vorstädte. Zudem leidet der Markt unter den Spätfolgen der Finanzkrise. Viele Baufirmen rutschten 2008 in die Pleite, bis heute mangelt es daher an Arbeitern und Maschinen. Im Mai blockierten Demonstranten die Senats- und Versammlungskammern des Staates New York in Albany. Aber das größte Problem, meinen Kingsella und andere Experten, seien veraltete Flächennutzungspläne. Viele Kleinstädte, darunter Atherton, erlauben nur Einfamilienhäuser. Und auch einige Metropolen sperren sich gegen eine höhere Bebauungsdichte. So sind in den meisten Vierteln San Franciscos Häuser über 15 Meter verboten. Die Lokalpolitik will das Postkartenmotiv bewahren, das auf der ganzen Welt berühmt ist, die viktorianischen Fassaden mit ihren Erkern und Balkonen. Im April 2019 verhinderte der Stadtrat eine Wohnanlage mit 63 Einheiten, weil sie an Sommerabenden einen Schatten auf einen nahen Park geworfen hätte. Das gefährde die Lebensqualität der Anwohner, hieß es damals. Und im vergangenen Jahr wurde ein Turm mit 500 Apartments blockiert, für den der Parkplatz eines Luxuskaufhauses hätte weichen müssen. Eine weitere verstörende Entwicklung gibt es in Atlanta: Dort leben immer mehr Familien in billigen Motels, weil sie nicht genug Geld für eine eigene Wohnung haben. 2019 buchten 45 Prozent der Gäste ihre Zimmer länger als 30 Tage, das gilt als Hinweis auf einen dauerhaften Aufenthalt. Im vergangenen Jahr sprang diese Zahl auf 67 Prozent, wie Daten der Firma Highland Group zeigen, die Hotelinvestoren berät. Inzwischen stoppen sogar Schulbusse an den Motels, um Kinder einzusammeln. New York will das Problem auf andere Art lösen. Die Gouverneurin Kathy Hochul unterschrieb vor Kurzem ein Gesetz, das die Umwandlung von nicht ausgelasteten Hotels in Wohnungen fördert. Ein erstes Gebäude auf der schicken Upper West Side wird gerde hergerichtet, in ihm sollen bald einkommensschwache Mieter leben. Im Silicon Valley gibt es einen radikaleren Vorschlag: Dort rufen Hilfsorganisationen und Lokalpolitiker die Bürger dazu auf, Obdachlose bei sich zu Hause aufzunehmen. Die Skepsis ist groß, aber man hört von ersten Erfolgen. Mehrere Menschen haben schon freie Zimmer in ihren Apartments zur Verfügung gestellt. Einige gegen ein kleines Entgeld von der Stadt, andere sogar gratis.