Friday, August 12, 2022

„Denk daran, mich nicht zu vergessen!“

WELT „Denk daran, mich nicht zu vergessen!“ Matthias Heine - Vor 5 Std. Seine letzte Zeichnung, die vorige Woche in der Illustrierten „Paris Match“ erschien, zeigt ein älteres Paar in einer arkadischen Landschaft, vielleicht irgendwo an der Loire. Der Mann malt die Gegend und seine Frau, die mitten in der Perspektive auf einer Decke liegt und liest, ermahnt ihn: „Denk daran, mich nicht zu vergessen!“ Welch ein passender letzter Satz für einen Künstler wie Sempé, für dessen Humor einem zuallererst das Attribut „subtil“ in den Sinn kommt. Ein paar Tage nach der Publikation der Zeichnung ist Sempé, dessen Vornamen Jean-Jacques kaum jemand nannte, gestorben. Am 17. August wäre er 90 Jahre alt geworden. Mit seinem letzten Bild reiht Sempé sich in zwei große französische Kulturtraditionen ein. Die Landschaft mit der Frau, die sich unter den Bäumen hinlagert, sieht aus wie eine schwarz-weiße Skizze des Malers Pierre-Auguste Renoir oder seines Zeitgenossen Claude Monet. Aber der Künstler im Bild ist eben kein Revolutionär mehr, wie es die Impressionisten im späten 19. Jahrhundert waren, sondern ein etwas spießbürgerlicher Hobbymaler. Die Zeichnung könnte auch eine Szene aus einem Film des ebenfalls sehr berühmten Malersohns Jean Renoir sein, der in den 1930er-Jahren mit Filmen wie „Die Spielregel“ die französische Klassengesellschaft sezierte. Auf seine stille Weise hat Sempé das sein ganzes Künstlerleben auch getan. Seit 1956 war er regelmäßig mit Zeichnungen in „Paris Match“ vertreten. Für Rechenschwache: Das sind 66 Arbeitsjahre. Er begann in der Nachkriegszeit, als Frankreich sich amerikanisierte, indem es sich technisch und gesellschaftlich modernisierte und fordisierte. Er erlebte die 1968er-Revolte und ihren Marsch durch die Institutionen. Auf eine indirektere, weniger offen ausgesprochene Weise hat er das alles in seinen Bildern ähnlich kommentiert wie seine Künstlerkollegin Claire Bretécher. Während sie die linken Intellektuellen im Auge hatte, blieb er dabei näher an der Perspektive des vermeintlich konservativen Bürgertums, das sich aber in den fast 70 Jahren seines Schaffens natürlich ebenfalls verändert hat. Beide waren damit auch in Deutschland sehr erfolgreich und haben so das Frankreichbild ganzer Generationen mitgeprägt. Sempés Ruhm reichte sogar bis nach Amerika. Er schuf auch regelmäßig Cover für den „New Yorker“ in jenem Stil, von dem gesagt worden ist, er sehe aus wie mit einer Wimper gezeichnet. Irgendwann fingen auch seine Zeichnungen an, vordergründig konservativ zu werden. Zur modernen Kunst hatte er eine freundlich skeptische Einstellung. Auf einem Bild sieht man einen Hobbymaler – was gibt es bürgerlicheres als Sonntagsmalerei, das Hobby George Bushs und Churchills? – dessen Atelier voller konventioneller Stillleben und Landschaften ist. Nun versucht er sich zum ersten Mal an einem radikalen picassoesken Akt, auf dem eine Frau dem Betrachter ihre Vagina entgegenreckt. Die Frau des Malers fällt in Ohnmacht, als sie ihm einen Tee bringen will. Diese Gefahr bestand bei Sempé nicht. Seine Figuren wirkten in ihren katholischen Kirchen, Luxushotellobbys, Louis-Quatorze-Zimmern und Monsieur-Hulot-Büros irgendwann nicht mehr aktuell, sondern wie eingefroren in der Zeit, als die Romane von Georges Simenon oder die frühen Filme von Claude Chabrol entstanden. Was er zeichnete, war eine Sempé-Welt, die allerdings Berührungspunkte mit der Gegenwart hatte. Zwei davon waren die Einsamkeit und die Liebe, die beide ja durch alle Umbrüche der vergangenen 70 Jahre nicht aus der Welt geschafft wurden. Beide Themen verbindet eine Zeichenfolge, in der man zunächst ein küssendes Paar vor einem abfahrbereiten Zug im Bahnhof sieht. Um es herum stehen lauter Männer in Sechzigerjahre-Angestelltenkluft, die sehnsüchtig zu ihnen hinüberschauen. Als der Zug abfährt, winken aus jedem Fenster Hände der einzigen Frau auf dem Bahnhof zu. So wundervoll und beliebt die Sempé-Solo-Zeichnungen waren, die hierzulande in zahlreichen Sammelbänden des Diogenes-Verlags verkauft wurden – weltberühmt geworden ist Sempé doch durch den „kleinen Nick“. Sogar in Frankreich stand alles andere ein bisschen im Schatten seiner Illustrationen zu den Geschichten, die René Goscinny schrieb. Auch „Le Monde“ nannte ihn jetzt „le dessinateur du ,Petit Nicolas’“. 1959-1966 zeichnete Sempé den Kleinen Nick. Die Figur lebt ewig. 1956 begegneten sich die Schöpfer des „kleinen Nick“ zum ersten Mal. Im Büro der belgischen Agentur World Presse an der Avenue des Champs Élysées traf der 27-jährige Goscinny einen unbekannten 23 Jahre alten Zeichner, der soeben aus seinem Geburtsort Bordeaux in die Hauptstadt gekommen war: Jean-Jacques Sempé. Der etwas scheue Sempé erinnerte sich später: „Er war mein erster Freund in Paris. Um nicht zu sagen: mein erster Freund überhaupt.“ Drei Jahre später bat Henri Amouroux, Chefredakteur der Zeitung „Sud-Ouest“, Goscinny und Sempé um einen Beitrag für die Osterausgabe vom 29. März. Sempé erinnert sich: „Mich erreichte ein Text, in dem ein Kind, Nicolas, vom Leben mit seinen Freunden erzählte, die alle sehr seltsame Namen hatten: Rufus, Alceste, Maixent, Agnan, Clotaire.“ Der deutsche Übersetzer Hans-Georg Lenzen taufte sie dann Roland, Otto, Max, Adalbert und Chlodwig. Es gab auch schon den „surveillant“, dessen Spitzname „le bouillon“ war – in Deutschland wurde daraus der Hilfslehrer Hühnerbrüh. Die erste Geschichte wurde ein Riesenerfolg. Goscinny und Sempé schufen viele weitere. Goscinny hat später erzählt: „Regelmäßig mit Sempé zusammenzukommen – das war, als hätte ich meine Augen und Ohren geschärft. Er hat mir zum Beispiel beigebracht, dass die Unterhaltung, die man an einem Tisch im Restaurant aufschnappt und die einem normal erscheint, eine unerschöpfliche Quelle der Komik ist, sobald man sie aufschreibt.“ Die Zusammenarbeit ging bis 1966, obwohl Goscinny zu diesem Zeitpunkt mit „Asterix“ bereits viel erfolgreicher war. Doch 1966 war Schluss. „Es sollte keine tot gerittene Masche werden“, erklärte Goscinny später. „Aber jedes Mal, wenn wir uns sehen, sind wir in Versuchung, wieder mit den Kleiner-Nick-Geschichten anzufangen.“ Musikinstrumente spielen in Sempé-Zeichnungen häufig eine Rolle Diesen Traum hat Goscinny allzu früher Tod mit erst 51 Jahren am 5. November 1977 zunichtegemacht. Nun ist viele Jahre später der Mann gestorben, für den er der erste Freund war. Ein besonders schöner Nachruf kommt von Joann Sfar. Der Comic-Autor twitterte die Zeichnung einer Katze (sein Markenzeichen) im Sempé-Stil und schrieb dazu: „Sempé ist gestorben. Das ist das erste Mal, dass ich Gewissheit habe, dass ein Gott im Himmel ist.“