Tuesday, August 16, 2022

Vor fast 50 Jahren lehnt die Apachin Sacheen Littlefeather im Namen von Marlon Brando einen Oscar ab und wird dafür ausgebuht. Nun entschuldigt sich die Oscar-Akademie

Neue Zürcher Zeitung Deutschland Vor fast 50 Jahren lehnt die Apachin Sacheen Littlefeather im Namen von Marlon Brando einen Oscar ab und wird dafür ausgebuht. Nun entschuldigt sich die Oscar-Akademie Gian Andrea Marti - Vor 53 Min. Bloss etwas mehr als eine Minute dauerte der Auftritt. Doch er sollte als einer der grössten Skandale in die Annalen der Oscar-Geschichte eingehen. Als Marlon Brando im März 1973 für seine Rolle im Mafia-Epos «Der Pate» den Oscar als bester Hauptdarsteller erhalten sollte, betrat die damals 26-jährige Schauspielerin und Aktivistin Sacheen Littlefeather im Namen des abwesenden Brando die Bühne. In der traditionellen Kleidung ihres Volkes, der Apachen, und in Mokassins erklärte sie dem verdutzten Publikum, dass Brando diesen «sehr grosszügigen Preis» nicht annehmen könne, «wegen der heutigen Behandlung der amerikanischen Ureinwohner durch die Filmindustrie». Der Auftritt passte nicht allen. Die Zuschauer im Saal reagierten teilweise mit Applaus, teilweise aber auch mit Buhrufen. Der Westernstar John Wayne soll hinter den Kulissen nur mit Mühe von sechs Sicherheitsleuten davon abgehalten worden sein, Littlefeather von der Bühne zu zerren, wie die Schauspielerin später erzählte. Die Tage nach dem Auftritt war sie Spott und Beschimpfungen ausgesetzt. Für die damalige Behandlung der heute 75-Jährigen hat sich die Oscar-Akademie nun entschuldigt – fast 50 Jahre nach dem Vorfall. In einem am Montag veröffentlichten Brief vom 18. Juni heisst es vom Präsidenten der Akademie David Rubin: Die Oscar-Rede Littlefeathers sei «ein kraftvolles Statement gewesen, das uns auch weiterhin an die Notwendigkeit von Respekt und die Wichtigkeit der menschlichen Würde erinnert». Die Beschimpfungen, die die Schauspielerin wegen dieser Erklärung erlitten habe, seien «unvertretbar und unberechtigt» gewesen. Ebenso wie die dadurch erfahrene «emotionale Last» und die Kosten für ihre Schauspielkarriere «irreparabel» seien. Viel zu lange sei auch Littlefeathers «Mut» nicht anerkannt worden. Vorwurf der Hochstapelei Tatsächlich beeindruckt die Szene auch heute noch. Politisch aufgeladene Reden mögen an den Oscar-Verleihungen 2022 schon fast an der Tagesordnung gewesen sein. Doch 1973 schuf Littlefeather mit ihrem Statement einen Präzedenzfall. Sie war eine der ersten Personen, die gesellschaftliche Anliegen auf die Bühne der Oscars brachten. Als die ersten Buhrufe aus dem Publikum ertönten, setzte Littelfeather ihre Rede mit ruhiger Stimme fort, um auf die damaligen Ereignisse bei Wounded Knee aufmerksam zu machen. Dort hatten Anhänger der sogenannten Amerikanischen Indianischen Bewegung (AIM) nach der Ermordung eines Mitglieds des Lakota-Stammes das Dorf Wounded Knee im Pine-Ridge-Reservat im Gliedstaat South Dakota besetzt. In der Folge erhielt die Aktion der AIM zusätzliche internationale Aufmerksamkeit. Der Zeitpunkt für Littlefeathers Botschaft war geschickt gewählt, wurde die Oscar-Verleihung in jenem Jahr doch erstmals international per Satellit übertragen. Damals wussten aber weder das Publikum, die Presse noch die 85 Millionen Fernsehzuschauer, was sie davon halten sollten. Gerüchte kamen auf, der ganze Auftritt sei bloss ein Scherz gewesen, Littlefeather eine zwecks Inszenierung angeheuerte Schauspielerin. Gar dem Vorwurf der Hochstapelei sah sich die Aktivistin ausgesetzt: Sie habe ihre indianischen Wurzeln bloss erfunden, sei in Wahrheit eine mexikanische Hochstaplerin. Dabei stammte Littlefeathers Vater von den zu den westlichen Apachen zählenden White-Mountain-Apachen sowie den Yaqui-Indianern ab. Ihre Mutter war französisch-deutsch-niederländischer Abstammung. Den Auftritt hatte Littlefeather in aller Eile geplant, wie sie kürzlich dem «Guardian» erzählte. Eine halbe Stunde vorher sei sie noch in Brandos Haus am Mulholland Drive gesessen und habe darauf gewartet, dass er ihre Rede zu Ende tippe. Mehrere Seiten lang war das Manuskript schliesslich, das sie vorlesen sollte. Doch als sie mit Brandos Assistentin kurz vor Bekanntgabe des besten Schauspielers an der Zeremonie eingetroffen sei, habe Howard Koch, der Produzent der Oscar-Verleihung, ihr mitgeteilt, dass sie ihre Rede nicht lesen dürfe und dass man sie «nach 60 Sekunden von der Bühne entfernen würde». Dann sei alles sehr schnell gegangen, so die Aktivistin. «Ich hatte Marlon versprochen, dass ich seine Oscar-Statue nicht anfassen würde, wenn er gewinnt. Und ich hatte Koch versprochen, dass ich nicht über 60 Sekunden hinausgehen würde. Es waren also zwei Versprechen, die ich einhalten musste.» Infolgedessen improvisierte sie ihre Rede. Brandos vollständiges Manuskript verlas Littlefeather im Anschluss an die Zeremonie vor Journalisten. Danach ging sie zurück zum Haus des Schauspielers, um mit ihm die Reaktionen auf das Ereignis im Fernsehen zu verfolgen. Brando sagte später, er sei entsetzt darüber gewesen, wie das Publikum mit Littlefeather umgegangen sei, selbst wenn die Buhrufe vielleicht ihm selbst gegolten hätten. «Sie hätten wenigstens die Höflichkeit haben sollen, ihr zuzuhören.» Eigene Schauspielkarriere litt unter Vorfall Littlefeather sieht das Ereignis heute als Schlüsselmoment im Kampf für die Rechte der amerikanischen Ureinwohner. Sie war die erste indigene Frau, die die Oscar-Verleihung als Plattform für eine politische Botschaft nutzte. In den folgenden Jahren taten es ihr andere Künstlerinnen und Künstler gleich. Auch die Academy zog ihre Konsequenzen aus dem Vorfall. Bis heute dürfen sich Künstler bei der Entgegennahme eines Preises nicht mehr von einer anderen Person vertreten lassen. Auch für Littlefeathers eigene Karriere als Schauspielerin markierte der Auftritt einen Wendepunkt. Abgesehen von einigen kleineren Rollen blieben Angebote in der Filmbranche in den folgenden Jahren aus. Sie sei nach der Oscar-Verleihung ein rotes Tuch für Hollywood gewesen, beklagte sie später. Verstummt ist sie deswegen nie. Bis ins hohe Alter setzte sie sich für die Rechte der amerikanischen Ureinwohner ein. Heute scheint die 75-Jährige wegen der damaligen Ereignisse keinen Groll mehr zu hegen. «Es ist zutiefst ermutigend zu sehen, wie viel sich verändert hat, seitdem ich den Oscar vor 50 Jahren nicht annahm», teilte sie als Reaktion auf die Entschuldigung der Academy mit. Und fügte augenzwinkernd hinzu: «Wir Indianer sind sehr geduldige Leute – es ist ja nur 50 Jahre her.»