Wednesday, September 15, 2021

Kümmerer Laschet und die gescheiterte linke Provokation

WELT Kümmerer Laschet und die gescheiterte linke Provokation Thomas Vitzthum | 1 Billy-Mangel bei Ikea: Warum das Kult-Regal in vielen Filialen nicht… Die Bachelorette: Sind Maxime und Raphael noch ein Paar? In der ARD-„Wahlarena“ beantwortet Armin Laschet ein breites Spektrum an Bürgerfragen, die zeigen, wie ärmlich das Themenspektrum der Parteien im Wahlkampf bisher war. Der Unionskanzlerkandidat spielt dabei nicht den Angreifer, sondern den Kümmerer. Eine Rolle, die ihm weit besser steht. Armin Laschet zeigte so viel Empathie und Problembewusstsein, dass sich die Fragesteller nicht brüskiert fühlen mussten. Wer die Wahlkampfreden von Unionskanzlerkandidat Armin Laschet zuletzt verfolgte, der konnte von ihm vor allem erfahren, warum er die anderen Parteien, SPD, Grüne und Linke besser nicht wählen sollte. Der Fokus der Unionskampagne liegt seit dem Umfrageabsturz, also seit etwa drei Wochen, ganz klar auf der Mobilisierung der Stammwählerschaft, der eingefleischten noch dazu. Das ist jene Gruppe Wähler, die wegen der Aussicht auf eine linke Regierungsmehrheit trotz aller Zweifel am Kandidaten Laschet bewegt werden kann, Union zu wählen. Diese Strategie zeigt– die sich konsolidierenden Umfragewerte deuten es an – erste Erfolge. Doch sie hat mehrere entscheidende Nachteile. Sie verstört die Wechselwähler. Und sie vernebelt die Absichten der Union. Die Wählerinnen und Wähler lernen durch die ständigen Warnungen zwar viel darüber, was die anderen alles vorhaben, sie tun sich aber gerade deshalb schwer, das Eigene in den Plänen von CDU und CSU noch zu erkennen. Das ist die inhaltliche Problematik dieser Strategie. Es gibt aber auch eine psychologische. Wer andere ständig schlecht macht, kann schwerlich als sympathischer Zeitgenosse daherkommen. Ausgerechnet Armin Laschet, der immer als rheinische Frohnatur galt, muss nun mit den Zuschreibungen leben, pampig, aggressiv, auch mal desinteressiert zu sein. Es ist diese ein Rolle, die er sich durchaus antrainiert hat. Er hat die aggressive Haltung in Talkshows lange vor seiner Bewerbung um den CDU-Vorsitz ausprobiert und – nach positiven Reaktionen aus der Partei – beibehalten. Bis heute. Laschet treibt das im Wahlkampf inzwischen so weit, dass er am Dienstag in einem Format, in dem Kinder Fragen an ihn richteten, einschüchternd auf die Elfjährigen einredete und sich als genervter Oberlehrer gab. Eine dunkle Stunde im Unionswahlkampf. Eine helle erlebte die Union dagegen am Mittwochabend in Lübeck. In der ARD-Wahlarena antwortete der CDU-Chef auf Bürgerfragen aus dem Publikum. Und zum Vorschein kam der Laschet, wie er ja vor Jahr und Tag einmal gewesen sein soll: zugewandt, verständnisvoll, sympathisch, aber auch schlagfertig und im positiven Sinn distanzlos. Diese Rolle steht dem Politiker weit besser als die inzwischen etablierte ruppige. Warum die Union und warum er selbst seine alten Stärken zu Schwächen erklärt hat, bleibt ein Geheimnis. Die Bürger beschäftigt mehr als die Parteien glauben Die Fragen kamen Laschet dabei entgegen, weil sie ein gewaltiges Spektrum an Themen berührten. Das reichte vom Blutspendeverbot für Homosexuelle, die Finanzierung von Frauenhäusern, die Sorge, ob man wegen des Klimawandels noch Kinder in die Welt setzen solle über die Sorgen eines Braunkohlearbeiters über den Kohleausstieg bis zum Import von Schweinen, was den Bauern die Preise ruiniert. Die Bandbreite der Fragen war so groß und das persönliche Engagement der Fragesteller so ehrlich, dass damit nur allzu offensichtlich wurde, wie kümmerlich der offizielle Wahlkampf bisher ist. Die Bürger beschäftigt mehr als die Parteien glauben. Der Wahlkampf will niemanden überfordern und unterfordert doch viele. Journalisten leisten, das muss natürlich ehrlicherweise dazu gesagt werden, mit den immer gleichen erwartbaren Fragen dazu auch ihren Beitrag. Laschet war also erklärtermaßen dankbar für viele unerwartete Fragen. Nicht auf jede wusste er eine perfekt einstudierte Antwort. Aber er zeigte doch so viel Empathie und Problembewusstsein, dass sich die Fragesteller nicht brüskiert fühlen mussten. Im Hinblick auf das Blutspendeverbot gab er etwa zu, sich einfach nicht gut genug auszukennen. Das hört man von einem Politiker ja auch nicht oft. Er werde mit dem Anliegen aber noch einmal an Gesundheitsminister Jens Spahn herantreten. Schließlich erklärte er aber doch noch, dass es deshalb keine Diskriminierung geben dürfe. „Logisch erscheint die Regel nicht.“ Einer Langzeitarbeitslosen, die offenbar trotz zahlreicher Fortbildungen keine Anstellung findet, sagte Laschet: „Sie sind ein Gewinn für jeden Betrieb. Wenn ein kluger Arbeitgeber dabei wäre, der würde Sie sofort einstellen. Sie geben mir bitte Ihre Telefonnummer.“ Der jungen Dame, die aus Sorge vor der Erderwärmung zögert, Kinder zu bekommen, sagte er: „Ich will Ihnen die Zuversicht geben, dass wir das hinkriegen.“ Er lehnte aber auch einige Dinge klar ab. So sprach er sich gegen die Cannabis-Legalisierung aus, auch das Wahlrecht will er nicht auf 16 herabsetzen, denn Volljährigkeit und Wahlrecht gehörten zusammen. Laschet gab in der Runde nicht den Angreifer wie zuletzt in vielen Talkshows, beim CSU-Parteitag und in anderen Formaten. Er gab den Kümmerer, eine Rolle, die er weit besser beherrscht und in der er authentischer wirkt. „Man darf auch sagen: Ich möchte mich nicht impfen lassen“ Dabei waren Provokationen durchaus geplant. Zwei junge Frauen, die als Aktivistinnen angekündigt wurden, konfrontierten Laschet mit Fragen zu Rassismus und dem Klimaschutz; wobei sie ihm unterstellen wollten, nichts in beiden Bereichen unternehmen zu wollen. Die Frauen hatten zuvor an einem Talkshowtraining der Linksradikalen Emily Laqueur teilgenommen, die die Teilnahme an der Wahlarena auf Twitter entsprechend feierte. Laschet parierte allerdings auch diese Fragen, ohne aus der Rolle zu fallen oder gar barsch zu werden. Da nickten selbst die Fragestellerinnen am Ende der Antworten freundlich. Laschet stellte sich auch hinter eine Frau, die sich bislang nicht gegen Corona impfen lassen will. Erkennbar gehört die Frau nicht zum Querdenkerspektrum, vielmehr zögert sie aus medizinischen Gründen. Ihr Anliegen trug sie aus Sorge vor Anfeindungen nur über Monitor und ohne Bild vor. Dies schien den Kanzlerkandidaten zu erschrecken: „Das macht mich betroffen.“ Laschet erklärte: „Man darf auch sagen: Ich möchte mich nicht impfen lassen.“ Zwar appellierte er an die Frau, es doch zu tun, die Impfstoffe seien sicher. Er betonte aber auch: „Ich will als Bundeskanzler eine Gesellschaft haben, in der jeder sagen kann, was er denkt, ohne dass man über ihn herfällt.“ Auffallend oft sagte Laschet in der Sendung, was er „als Bundeskanzler“ zu tun gedenke. „Ich werde ein Bundeskanzler sein, der sich mit jedem anlegt, der Rassismus predigt oder andere wegen seiner Herkunft bekämpft“, sagte er. Einem von der Flut im Ahrtal Betroffenen versprach er: „Ich will auch als Bundeskanzler an dieser Aufgabe dranbleiben. Damit jedes Haus wieder aufgebaut wird.“ Den Türkischstämmigen in Deutschland wolle er sagen: „Ich bin auch euer Bundeskanzler, der Bundeskanzler ist für alle da.“ So häufig hat man von ihm das Bekenntnis, das Amt des Kanzlers wirklich zu wollen, bisher noch nicht gehört. Bisweilen wirkte er ja geradezu schüchtern, von sich als Bundeskanzler in spe zu sprechen. Doch wie soll man jemandem ein Amt zutrauen, der sich schon vor dem Klang des Wortes zu fürchten scheint? Diese Zurückhaltung hat Armin Laschet nun aufgegeben. Ansonsten hat er sich an dem Abend wieder etwas mehr Zurückhaltung in anderen Punkten auferlegt. Nicht zu seinem Schaden.