Saturday, March 19, 2022

Russland: Putins innerer Krieg

ZEIT ONLINE Russland: Putins innerer Krieg Maxim Kireev - Vor 15 Min. Russlands Präsident erklärt Pazifisten und Kriegsgegner zu Verrätern. Er treibt damit Zehntausende junge Russen ins Ausland. Viele IT-Spezialisten sind auf dem Sprung. Die Rede von Wladimir Putin traf sie wie ein Blitz. "Ich war gerade bei meiner Mutter zu Besuch, wir tranken Tee, als im Fernsehen Putin plötzlich davon erzählte, dass es in Russland Verräter gäbe, die westlich denken und sich an westlichen Werten orientieren", sagt Elisaweta*. Das russische Volk werde diese Verräter "wie eine zufällig in den Mund hineingeflogene Fliege einfach ausspucken", sprach Putin weiter. "Da dämmerte mir, dass nichts mehr so werden wird wie früher", sagt die junge Russin. Bis dahin hatte sich Elisaweta für die Details des Kriegs in der Ukraine nicht wirklich interessiert. Wie viele junge Russinnen und Russen war sie gegen den Einmarsch, hielt es aber für "irgendeine geopolitische Sache" zwischen Russland und den USA, an der irgendwie beide Seiten schuld sind. Irgendwann werde sich die Situation beruhigen und alles wieder so werden wie früher. "Als ich Putin hörte, hat es aber klick gemacht. Plötzlich wurde mir klar, dass Putin uns einfach vom Rest der Welt abnabeln will", sagt sie. Auch beruflich sieht sie mit ihren 26 Jahren kaum eine Zukunft mehr für sich in Russland. Stolz sei sie gewesen, als sie den Job als App-Entwicklerin bei einem Finanz-Start-up ergatterte. Das Kernprodukt ist eine Banking-App für Unternehmer. Sie selbst war als Developerin für die iOS-Version zuständig. "Apple hat die Arbeit mit Russland stark eingeschränkt, zudem ist unser Investor auf der Sanktionsliste. Ich hab irgendwie das Gefühl, dass mein Beruf hier in Russland bald nutzlos werden könnte. Deswegen denke ich wie viele IT-Spezialisten in meinem Umfeld darüber nach auszuwandern. Ich habe schon einen neuen Reisepass beantragt", sagt sie. Programmierer sind die Ersten, die gehen Tatsächlich sind viele Menschen in Russland diesen Weg in den vergangenen Wochen und Monaten bereits gegangen. Georgien, Armenien, die Türkei, aber auch Usbekistan und Kirgisistan haben nach konservativen Schätzungen bis zu 200.000 Menschen aufgenommen. Seit einigen Tagen sucht etwa der russische Suchmaschinengigant Yandex nach neuen Büroräumen in der armenischen Hauptstadt Jerewan für rund 100 Mitarbeiter, die sich in den vergangenen Tagen in das Land am Südkaukasus abgesetzt haben. Das armenische Wirtschaftsministerium berichtete von Dutzenden Unternehmen aus Russland, die sich nach Möglichkeiten eines Umzugs in die ehemalige Sowjetrepublik erkundigen. Währenddessen schätzt Georgiens Wirtschaftsministerium die Anzahl der Neuankömmlinge aus Russland in den letzten Tagen auf mindestens 25.000. Dabei geht es längst nicht nur um IT-Spezialisten. "Sie sind einfach jene, denen es am einfachsten fällt, weil sie von überall arbeiten können und auch überall gefragt sind", sagt Michail Klimarjow von der NGO Gesellschaft zum Schutz des Internets, die sich gegen übermäßige Regulierung im IT-Bereich einsetzt. Programmierer sind die Ersten, die auf dem Sprung sind. Viele andere werden möglicherweise bald folgen. Daria* bloggt seit Jahren über die coolen und lebenswerten Seiten der russischen Metropole Sankt Petersburg. Sie schreibt über hippe Cafés, Werkstätten, die alte Sowjetmöbel restaurieren, lokale Streetwear-Manufakturen, kreative Cluster und coole Locations, eben über all das, was eine Metropole für junge Russen lebenswert macht. "Viele superinteressante Leute, die dieses Ökosystem am Leben gehalten haben, werden bald ihre Koffer packen", sagt die 32-Jährige. Auch die wirtschaftlichen Folgen des Kriegs und der Sanktionen werden sich bemerkbar machen. Designer klagen über explodierende Stoffpreise, Röstereien müssen bald ein Vermögen für Bohnen zahlen, viele Produkte aus den USA oder Europa lassen sich gar nicht mehr kaufen. "Es passiert nicht sofort, aber in den nächsten Monaten wird diese städtische Landschaft ausdünnen." Daria selbst ist noch hin- und hergerissen. "In diesem sonnigen Frühlingswetter lebt noch so eine Illusion von Vorkriegsnormalität und ich höre auch, dass viele es nicht glauben wollen, dass die Lage sich hier wirtschaftlich noch dramatisch verschlimmern wird", sagt sie. Gleichwohl ist für sie der politische Aspekt ausschlaggebend. "Ich weiß, dass Putin uns als Schmeißfliegen bezeichnet und dass es für uns irgendwann einfach nicht mehr möglich sein wird, hier zu leben." Putins Rede hat viele junge Großstädter in Russland erschüttert. Schlecht war die Stimmung unter ihnen schon vorher. Laut Umfragen des staatlichen Wziom-Instituts sind nur etwa 30 Prozent der unter 30-Jährigen für den Krieg gegen die Ukraine. Schon in den ersten Tagen nach Russlands Einmarsch kursierten Gerüchte, dass der Staat bald das Kriegsrecht verhängt und Männer das Land nicht mehr verlassen dürfen. Schon da flohen Tausende junge Russen ins Ausland. Wenig später führte der Kreml eine Militärzensur ein. Wer über den Krieg berichtet oder etwas postet, darf sich nur an den offiziellen Meldungen orientieren, sonst drohen mehrjährige Haftstrafen. Auch das brutale Vorgehen der Polizei gegen Proteste von Kriegsgegnern, bei denen mittlerweile insgesamt etwa 15.000 Menschen festgenommen worden sind, verbreitete Angst. Nun scheint der Kreml nicht mehr nur jenen den Kampf anzusagen, die gegen seinen Krieg demonstrieren. Putin geht noch weiter und stempelt alle zu Verrätern, die nicht aktiv dafür sind. Am Freitag sprach der russische Präsident bei einer riesigen Propagandashow im Luschniki-Stadion von einer noch nie da gewesenen Einheit in der Gesellschaft. Tags zuvor jedoch verurteilte er bei einem Auftritt im Staatsfernsehen alle, die angeblich im Herzen nicht bei Russland stehen. "Jene, die mental im Westen leben, die lieber Austern schlürfen und Genderfreiheiten genießen wollen" – sie alle seien als eine Art "fünfte Kolonne" eine Kraft, die das Land vom Inneren zersetzt und destabilisiert. Es kann jeden treffen Gewiss kann man diese Worte als Propaganda abtun. Gleichwohl warnt die Politikexpertin Tatjana Stanowaja, Chefin der Beratung R.Politik, vor einem endgültigen Sinneswandel im Kreml. "Mit dieser Rede wollte Putin für eine Konsolidierung werben, nach dem Motto: 'Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns'", sagt Stanowaja. Offenbar merke Putin, dass es unter der Oberfläche in der Elite rumort. "Für alle Sicherheitsorgane in Russland, für die Polizei und Geheimdienste, wirkt das jedoch wie ein Signal zum Zuschlagen und für neue Strafverfolgung unter allen möglichen Vorwänden", sagt die Expertin. Wen diese Schläge treffen, ist ungewiss. "Im Prinzip könnte es die Reste der Opposition, prominente Kriegsgegner, aber auch einfache Menschen treffen, die den Behörden als zu westlich oder zu aktiv erscheinen." Schon am nächsten Tag durchsuchten Ermittler die Räumlichkeiten der oppositionellen Jabloko-Partei in der Provinzstadt Pskow, während die Staatsanwaltschaft gegen die Foodbloggerin Veronika Belozerkowskaja Ermittlungen wegen der "Verbreitung von Falschinformationen" einleitete. Sie hatte sich in ihrem Instagram-Profil gegen den Krieg in der Ukraine ausgesprochen, weshalb ihr nach den jüngsten Gesetzesänderungen eine empfindliche Geldstrafe oder bis zu 15 Jahre im Gefängnis drohen. Belozerkowskaja hatte allerdings vor längerer Zeit Russland bereits verlassen. Klar ist jedoch auch, dass diesen Weg nur eine Minderheit der Russen gehen kann. Die meisten werden auch trotz guter Qualifikationen das Land nicht verlassen können oder wollen. Eine von ihnen ist etwa die Petersburgerin Julia*, die in den vergangenen Wochen keine Demonstration gegen den Krieg ausgelassen hat. "Ich arbeite als Interface-Designerin für Apps, könnte bestimmt auch im Ausland einen Job finden und habe alle Karten in der Hand", sagt die 31-Jährige. Dennoch möchte sie bleiben. Hier seien ihr Zuhause, ihre Freunde und Familie. "Ich bin bereit, zu kämpfen und dass sie mich festnehmen. Für alle Fälle habe ich schon einen kleinen Notfallkoffer gepackt."