Thursday, October 5, 2023
Berliner Jobmesse für Geflüchtete: Immer wieder ist die Sprachbarriere das Problem
Berliner Zeitung
Berliner Jobmesse für Geflüchtete: Immer wieder ist die Sprachbarriere das Problem
Artikel von Leandra Vorndamm •
13 Std.
Das Ludwig-Erhard-Haus in Charlottenburg ist wirklich groß, und doch ist es voll – voller Menschen. Der weite Saal ist ringsum gesäumt von kleinen runden Tischen, die abwechselnd mit blauen und weißen Decken geschmückt sind. Auf ihnen liegen Geschenkartikel und Visitenkarten. Hinter den Tischen sind erwartungsvolle, freundlich schauende Gesichter zu sehen. Sie warten gespannt auf Besucher. Denn an diesem Tag ist eine Jobmesse für Geflüchtete angesagt.
Die Besucher drängen sich auf den Stufen, überall sind Leute. Einige kommen zu zweit oder in kleinen Gruppen, doch die meisten stehen allein zwischen den Tischen, unschlüssig, wohin der erste Schritt sie führen soll. In dieser vielsprachigen Menschenmenge ist eines spürbar: die Hoffnung auf neue berufliche Perspektiven. Doch zwischen den Leuten vor und hinter den Tischen gibt es meist eine ganz klare Barriere: die Sprache.
Die Sprachbarriere ist auch eines der entscheidenden Probleme draußen in der Arbeitswelt. Dort herrscht fast überall Fachkräftemangel, obwohl in den vergangenen Jahren sehr viele Migranten nach Deutschland gekommen sind. Die Arbeitslosenquote unter Asylsuchenden liegt bei fast 30 Prozent, bei Flüchtlingen aus der Ukraine beträgt sie sogar mehr als 50 Prozent, wie die Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigen. Es gibt aber auch Erfolge: Im Juni 2023 waren etwa 57.000 Asylbewerber mehr in Beschäftigung als im Vorjahr.
Laut einer aktuellen Studie sind die Beschäftigungsquoten kurz nach der Ankunft der Flüchtlinge zwar meist sehr niedrig, sie steigen jedoch stetig an. Die Erwerbstätigenquote beträgt im ersten Jahr nach der Ankunft sieben Prozent, nach sechs Jahren sind es 54 Prozent.
Im Ludwig-Erhard-Haus treffen 90 Firmen auf etwa 3000 Flüchtlinge. Die meisten Arbeitgeber, mit denen die Berliner Zeitung spricht, stellen den Begriff der Motivation in den Mittelpunkt. Daniel Pall, Recruiter von Butter Lindner, sagt, dass Erfahrung zwar gut sei, entscheidend aber sei die Motivation. Auch Sven Henschke von der Firma Lindner sagt, dass Leute fast in allen Bereichen gesucht werden. Es sei „völlig egal, woher die Menschen kommen“. Carmen Block-Ottomeier von der Fleischerei Mago sagt, dass alle, die arbeiten möchten, willkommen seien, unabhängig von der Herkunft. Sie könnte an diesem Tag 15 Leute auf offene Stellen vermitteln.
Daniel Pall steht hinter einem blauen Tisch und sagt, dass Deutschkenntnisse auf dem Level B1 erwarten würden. Der Rest könne Schritt für Schritt erlernt werden. Bei der Messe geht es fast immer und überall um die Deutschkenntnisse, insbesondere um das Zertifikat B1. Das ist meist die Grundvoraussetzung für Bewerbungsgespräche. Claudia Charrabé, Managerin von Beton & Rohrbau, sagt, dass es gerade in ihrer Branche sehr schwierig sei, mit Menschen ohne Deutschkenntnisse zu arbeiten. Fachvokabular müsse verstanden werden. Gleichzeitig sucht aber auch ihr Unternehmen seit Jahren händeringend Auszubildende. Sie wünscht sich von der Politik mehr Unterstützung bei der Sprachförderung.
Aswad Mako hat innerhalb einer halben Stunde mit drei Personen an drei Ständen gesprochen. Der Iraker sucht einen Verwaltungsjob. Sein Traumberuf wäre Dolmetscher, doch seit sechs Monaten ist auch er arbeitslos. „Ich habe Hunderte von Bewerbungen geschrieben, aber nie Rückmeldung bekommen.“ Die Messe sei eine gute Idee. Nun hofft er, an einem dieser Tische einen Job zu finden.
Dorota Fruzynska steht in der Menschenmenge und studiert aufmerksam einen Flyer. Sie kam 2011 nach Berlin. In Polen – ihrem Geburtsland – arbeitete sie in einer Bank. Nach einer Weiterbildung im Office-Management sucht sie seit einem Jahr nach Arbeit. Ihr Traum wäre ein Bürojob. Um wieder in einer Bank arbeiten zu können, bräuchte sie B2. Wieder ist die Sprachbarriere die größte Hürde. „Ich spreche ein gutes B1, aber für meine Vorhaben brauche ich mehr.“ Sie hat ein klares Ziel und will lernen. Bevor sie zum nächsten Tisch geht, sagt sie: „Ich möchte nicht als Reinigungskraft arbeiten.“