Sunday, July 24, 2022

Inflation und Armut in Europa: »Ich dusche weniger, um meine Enkel zu sehen«

DER SPIEGEL Inflation und Armut in Europa: »Ich dusche weniger, um meine Enkel zu sehen« Jan Petter - Gestern um 20:33 Europaweit steigen die Preise für Lebensmittel, Strom und Energie. Doch die Inflation trifft nicht alle gleich. Drei Betroffene aus Großbritannien, Spanien und Polen erzählen, wie sie damit umgehen. Inflation und Armut in Europa: »Ich dusche weniger, um meine Enkel zu sehen« Den Krieg in der Ukraine erleben die Menschen in Europa sehr unterschiedlich. In Ost- und Mitteleuropa erscheint der russische Angriff ganz nah; Millionen Geflüchtete haben hier Schutz gefunden. Im Westen des Kontinents ist der Krieg weniger sichtbar, weniger unmittelbar. Doch seine Folgen spüren die Europäerinnen und Europäer auch hier: ausbleibende Gasimporte, steigende Lebensmittelpreise und immer höhere Stromrechnungen. Vor wenigen Tagen verkündete die EU, in diesem Jahr 7,6 Prozent Inflation zu erwarten – historischer Rekord. Dabei trifft der rasante Preisanstieg nicht alle gleich: In Ländern wie Großbritannien, Polen oder Spanien war die Inflation zuletzt noch höher als im europäischen Durchschnitt. Hier trifft sie zudem auf eine Bevölkerung, die durch vorherige Krisen, niedrige Löhne und Armut besonders schutzlos ist. Es leiden vor allem diejenigen, die zuvor schon arm waren oder schlecht abgesichert. Drei von ihnen erzählen, was die Rekordinflation für ihr Leben bedeutet. Christine Isaacs, 69, Rentnerin aus Leeds, Großbritannien »Ich habe drei Kinder allein großgezogen, mein Leben war noch nie einfach. Aber in den vergangenen Monaten ist vieles schwieriger geworden, als es je zuvor war. Lebensmittel, Strom, Heizung – alles kostet jetzt mehr. Ich habe einen Stromzähler, der nur mit einer Prepaidkarte funktioniert. Jedes Mal, wenn ich im Flur daran vorbeilaufe, sehe ich auf einer Sanduhr, wie viel Guthaben noch darauf ist. Wenn ich kein Geld mehr habe, geht der Strom einfach aus. Zuletzt ist er mir im Mai abgestellt worden. Danach musste ich bei einem Nothilfeprogramm um Guthaben bitten. Die Angst überschattet derzeit mein ganzes Leben wie eine dunkle Wolke. Man gewöhnt sich an die Armut, aber nicht an die Unsicherheit. Ich überlege jeden Tag, wofür ich wirklich Strom benötige. Jeder ersparte Penny ermöglicht es mir, meine vier Enkel zu besuchen. Ich dusche inzwischen seltener, damit ich sie sehen kann. In den vergangenen zwei Jahren hat die Pandemie alles beherrscht, das Leben wurde einsamer. Das Problem ist jetzt weg, aber nun kann ich mir kaum noch etwas leisten. Um zu meinen Enkeln zu kommen, muss ich den Bus nehmen. Weil ich Diabetes habe, benötige ich manchmal auch ein Taxi. Früher konnte man noch mit den Fahrern aushandeln, dass sie den Zähler ausschalten und man einen Fixpreis verabredet. Inzwischen macht das keiner mehr. Ich lebe von 654 Pfund im Monat, das sind etwa 760 Euro. Das klingt vielleicht nach viel. Aber wenn man es auf vier Wochen umrechnet, dann ist das sehr knapp. Irgendwer hat mir einmal gesagt, dass unsere Renten in der westlichen Welt zu den niedrigsten gehören. Ich habe große Angst vor dem Herbst. Bislang zahle ich 60 Pfund für Strom, aber wir wissen ja schon, dass ab Herbst alles teurer wird. Ich habe keine Angst mehr vor Covid, nur davor, dass im Herbst die Heizung ausfällt und ich krank werde. Ich beschäftige mich mit dem Krieg, die Menschen tun mir sehr leid. Die Politiker wollen Putin für seine Verbrechen bestrafen. Aber was hat meine Stromrechnung damit zu tun? Mein Gefühl ist, dass meine Situation wenig mit diesem Krieg zusammenhängt und viel mit unserem Land. Unsere Politiker stammen alle aus derselben Schicht, sie haben einen anderen Hintergrund als ich. Sie sind behütet aufgewachsen. Die wissen doch gar nicht, wie wir uns hier fühlen. Diese Leute haben Schritt für Schritt alles privatisiert: Strom, Heizen, die Wohnung – das kommt heute alles von Firmen, die einfach Geld verdienen wollen und sich nicht dafür interessieren, wie kalt es bei mir ist. Im September sollen wir jetzt alle einen Zuschuss bekommen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass der reicht.« Marta Kosiorek, 48, Projektmanagerin einer Werbeagentur in Warschau, Polen »Die einzige Sache, die sich in den vergangenen Monaten nicht verändert hat, ist mein Gehalt. Ich habe täglich das Gefühl, dass es schlimmer wird. Vor dem Krieg zahlten wir jeden Monat 30 Złoty für die Gasheizung, umgerechnet sind das 7 Euro. Das war relativ günstig. Jetzt sind es bereits 80 Złoty, mehr als das Doppelte. Wenn ich tankte, zahlte ich früher 350 Złoty für das Benzin, etwa 75 Euro. Jetzt sind es 100 Złoty mehr. Ich merke bereits, dass ich nicht mehr einschätzen kann, wofür ich wie viel Geld brauche. Man fühlt sich als erwachsene Person plötzlich überfordert, seine Ausgaben zu planen. Gestern war ich für die Geburtstagsfeier eines Freundes einkaufen. Am Ende habe ich vermutlich doppelt so viel bezahlen müssen wie vor dem Krieg. Mir macht das alles Angst. Ich habe inzwischen ständig das Gefühl, keine Schnäppchen verpassen zu dürfen. Wenn ich einkaufen gehe, greife ich jetzt oft zu Eigenmarken oder suche billigere Alternativen. Wenn es eine Geschäftsschließung gibt, gehe ich hin, um noch etwas zu sparen. Einige Supermärkte haben bereits den Zucker rationiert, weil die Menschen in Polen sich eindecken und plötzlich alles wieder zu Hause hamstern. Wir sind Sammler geworden, innerhalb weniger Monate. Gerade bei den Älteren weckt der Krieg große Ängste. Verglichen mit anderen Menschen geht es mir aber noch gut. Auch wenn viele Dinge, die das Leben schöner machen, jetzt kaum noch möglich sind: spontan Pizza essen – das geht zum Beispiel nicht mehr. Ich glaube nicht, dass es viele Möglichkeiten gibt, uns Bürgerinnen und Bürgern wirklich zu helfen. Ich erwarte nichts von der Politik. Natürlich hängt alles mit den Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine zusammen. Und für die Sanktionen gibt es keine Alternative. Wir können nicht russisches Gas einkaufen, während die Menschen in unserem Nachbarland um ihr Leben fürchten. Die Ukraine zu unterstützen ist am Ende wichtiger als unsere Gasrechnung. Aus meiner Sicht sind die Deutschen in dieser Sache sehr eigennützig – sie schauen vor allem, dass sie weiterhin ihr Gas bekommen. Wenn es so weitergeht, gehe ich vielleicht selbst bald nach Berlin. In Warschau kostet die Tasse Kaffee jetzt umgerechnet 3,60 Euro. Das ist schon ähnlich teuer wie in Berlin, auch die Höhe der Miete fühlt sich bereits sehr deutsch an. Nur das Gehalt ändert sich nicht. Dazu kommt das gesellschaftliche Klima in Polen, das mittlerweile sehr feindselig und reaktionär geworden ist. Wenn das so bleibt, wandere ich aus.« Marcos Pleite Sánchez, 52, Lkw-Fahrer aus Palma, Spanien »Man merkt die Preiserhöhungen nicht gleich. Aber nach und nach werden alltägliche Dinge so teuer, dass man sich einschränken muss. Inzwischen kostet alles mehr. Beim Benzin und bei der Miete merke ich es am stärksten. Kürzlich haben wir beschlossen, in diesem Sommer nicht in den Urlaub zu fahren, aus Angst vor dem Winter. Wir wissen nicht, was auf uns zukommt. Früher war unser Leben besser. Auch beim wöchentlichen Einkaufen versuchen meine Frau und ich weniger auszugeben. Wir sparen vor allem bei uns selbst. Die Kinder sollen so wenig wie möglich von der Krise mitbekommen. Aber wir müssen es ihnen trotzdem erklären. Wir kaufen weniger Kleidung, wir achten stärker auf die Preise, wir gehen seltener auswärts essen und kochen möglichst günstig. Natürlich ist es unfair, dass Leute wie wir die Folgen des Krieges so stark zu spüren bekommen. Wir sind hier schon seit 2008 in der Krise. Erst kollabierte der spanische Immobilienmarkt, dann kam die Pandemie. Jetzt noch die Inflation. Und immer sind es die Arbeiter und Angestellten, die dafür bezahlen. Wir haben hier viele kleine Unternehmen, in denen hart gearbeitet wird und dennoch alles unsicher ist. Wenn ich wüsste, wie man das ändern kann, wäre ich nicht mehr Lkw-Fahrer. Wir leben in einer globalisierten Welt, auch unsere Regierung kann wenig tun. Wir sitzen alle in einem Boot, sagt man. Aber die, die leiden, sind immer dieselben, die Schwächsten.« Mitarbeit: Karolina Jeznach