Sunday, May 5, 2024

„Endlich Witwer“ im ZDF: Odysee im Hamsterrad

Frankfurter Allgemeine Zeitung „Endlich Witwer“ im ZDF: Odysee im Hamsterrad Heike Hupertz • 7 Std. • 3 Minuten Lesezeit Dreißig Jahre lang lebte Georg Weiser (Joachim Król) ein Leben, das er nicht wollte. Keiner zwang ihn, außer die Umstände. Er erfüllte die bürgerlichen Erwartungen, die andere an ihn stellten, die er selbst an sich stellte. Aus dem politisierten Studenten wurde ein langweiliger Ehemann, mit Frau Brigitte, zwei Kindern, Bungalow und Karriere als Kunstrasenfachmann. Georg Weiser wurde ein Mann ohne Elan, grummelig, unfreundlich. Seinen ersten Auftritt im Fernsehfilm hatte er vor fünf Jahren im ZDF in der Tragikomödie „Endlich Witwer“ von Pia Stratmann und Martin Rauhaus. Da war seine Frau gerade unerwartet gestorben, für ihn ein spätes Glück. Zwei weitere Male war er inzwischen auf dem Weg (zu sich selbst). In „Forever Young“ brach er mit einem altersschwachen Wohnmobil auf, um bei entgeisterten Uraltfreunden (Martina Gedeck, Peter Lohmeyer) zu stranden, ehemaligen Mitstudenten, die sich immer noch wahnsinnig alternativ vorkamen, aber wahnsinnig ernüchternd wirkten. Petras (Gedeck) Liebessignale gingen an Weiser vorbei, Jürgens (Lohmeyer) Motive waren kaum so idealistisch, wie er annahm. Typisch Weiser: „Ich dachte, ich komm mal rum“, nach vierzig Jahren? Im dritten Teil „Über alle Berge“ kam das Wohnmobil abhanden, musste Weiser sich auf La Gomera zu Fuß und ohne Bargeld durchschlagen, begegnete mit Soleil (Dela Dabulamanzi) der Realität Gestrandeter, hatte wieder ein paar selbstkritische Momente. Handlung kratzt nur oberflächlich an Eltern-Kind-Beziehung Weisers Sinnsuche, die in den besten Momenten an „About Schmidt“ erinnert, geht nun im vierten Film weiter. Die Erzähltiefe des ersten Teils, der oft zwischen Lachen und Weinen schwankte, erreicht auch dieser nicht. Weisers Ambivalenzen und Idiosynkrasien, seine Trauer über ein verschwendetes Leben, von Król mit Sinn für das Beiläufige, hinter dem sich Unglück verbirgt, gespielt, wurden geglättet. Ein Grummler mit nachgeholtem Freiheitswillen, der immer wieder schnöde scheitert, das blieb er. Leider wurde er inzwischen auch zum Funktionsträger, zum Zuschauer-Augenöffner. „Über alle Berge“ stellte die Geflüchteten-Thematik überdeutlich heraus. Nun, in der vierten Folge, „Griechische Odyssee“, die wie die dritte Sathyan Ramesh geschrieben hat und die Rainer Kaufmann inszeniert, geht es auf Kreta um Klimaschutzprojekte und wieder um das Verhältnis von unglücklichen Eltern zu ihren (erwachsenen) Kindern. Weisers Sohn Gerd (Tristan Seith) ist ein guter Kerl, aber ziellos. Er und Weisers Tochter Susanne (in den ersten Folgen gespielt von Friederike Kempter, nun von Caroline Hanke), scheitern an der scheinbaren Empathielosigkeit des Vaters. Leider konzentriert sich „Griechische Odyssee“ noch weniger auf Weisers Sinnsuche und packt noch mehr Aktuelles oberflächlich in die Handlung. Nach Kreta gefahren ist Weiser, weil die Kinder am Strand in Erinnerung unbeschwerter Urlaubstage Mutters Todestag begehen wollen. Weiser ist nicht danach. Eher nach Besichtigung der Höhle, in der Zeus dem Mythos nach geboren wurde. Unterwegs begegnet er einem lebensmüden Sokrates-Darsteller (August Zirner), einer überflüssigen Figur, die mit ihrem Herumraunen Weiser wahnsinnig macht. Susanne leitet inzwischen die NGO „Peace for Nature“ und ist schwanger von dem kretischen Start-up-Gründer Alex (Jasin Challah), der verheiratet mit Helena (Artemis Chalkidou) und Vater von Nikos (Korakas Andronikos) und Delia (Sofia Koliofotos) ist. Weiser trifft zufällig Karin (Leslie Malton), eine ehemalige Affäre, wieder. Für Alex’ Projekt, das aus Plastik in den Meeren überdimensionale Legosteine als Baumaterial für Ferienwohnungen herstellt, interessiert sich Weiser sehr. Der Mann, der sein Leben nun eigentlich bar aller Verpflichtungen zu leben sucht, mischt sich ein. Wieder einmal gibt es großes Zerwürfnis, wieder eine Art Versöhnung mit den Kindern. Dann geht es auf zu neuen Ufern, vielleicht für „Endlich Witwer“ zu den Folgen Nummer fünf bis Nummer zehn. So macht man eine bemerkenswerte Hauptfigur kaputt. „Griechische Odyssee“ hat vom Original nur mehr den tragikomischen Abglanz, und besser wird es wohl nicht mehr. Immerhin fängt die Kamera von Martin Farkas ein Urlaubs-Kreta jenseits der Klischees ein: halb fertige Pensionen, Ferienbaustellen, Schuttberge und kaum was los außerhalb der Saison. Auch hier haben die Hoffnungen sich nicht erfüllt. Endlich Witwer – Griechische Odyssee läuft am 6. 5. um 20.15 Uhr im ZDF.