Wednesday, September 27, 2023

Roman Abramowitsch: Die Kunst, Milliardenwerte verschwinden zu lassen

ZEIT ONLINE Roman Abramowitsch: Die Kunst, Milliardenwerte verschwinden zu lassen Artikel von Tobias Timm • 18 Std. Der russische Oligarch Roman Abramowitsch versteckt seine sündteure Kunstsammlung vor internationalen Sanktionen. Der Fall zeigt exemplarisch ein Problem des Kunstmarkts. Sie wurden abtransportiert in spezielle Depots und sind dem Blick der Öffentlichkeit entzogen. Eingesperrt in dunkle Kisten fristen sie ihr Dasein, jahre- oder sogar jahrzehntelang, bewacht von Uniformierten hinter dicken Mauern und alarmgesicherten Zäunen. Nicht einmal ihre Besitzer, die für dieses Verschwinden verantwortlich sind, können sie mehr betrachten. Das, was sich seit einigen Jahrzehnten in der Kunstwelt abspielt, ist ein Skandal: Berühmte Werke der Kunstgeschichte, Gemälde, Skulpturen und Fotografien, werden dessen beraubt, was man für das Grundrecht von Kunst halten kann – gesehen zu werden. Tausende Meisterwerke lagern bereits irgendwo in Zollfreilagern in der Schweiz, Lichtenstein, Singapur, ohne dass sie dort noch irgendeinen Menschen glücklich oder schlau, traurig oder wütend machen können. Schuld an dem massenhaften Verschwinden von Kunst ist paradoxerweise ihr gestiegener Wert. Und die Verfasstheit des globalen Kunstmarkts. Besonders die extrateure Kunst hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem ganz speziellen Investment entwickelt. Sie ist nicht nur ein passendes Mittel, mit dem sich Superreiche den Ruf eines Mäzens, eines feinsinnigen Menschen erwerben und so ganz viel symbolisches Kapital jener Sorte anhäufen, die der Kauf von Superjachten, Flugzeugen oder Fußballclubs nicht liefern kann. Im Gegensatz zu diesen sehr sichtbaren Lifestyle-Accessoires wohlhabender Menschen lässt sich Kunst nicht nur leichter verstecken. Es gibt auch die Erwartung an private Besitzer, sie mindestens gelegentlich der Öffentlichkeit zu zeigen, als Leihgaben für Ausstellungen etwa. So wie von öffentlichen Museen erwartet wird, dass sie ihre beliebtesten Bilder nicht dauerhaft in Depots verstecken. Das kulturelle Kapital, das Privatsammler mit ihrem Kunstbesitz anhäufen, das war zumindest einmal der unausgesprochene Deal, ist auch an die Bereitschaft gebunden, die Kunst zu zeigen. Und mit ihr lässt sich sogar protzen! Auf dem klein gedruckten Hinweis neben jedem Kunstwerk in einer Ausstellung steht ja neben dem Werktitel auch der leihgebende Besitzer, die Besitzerin. Außer der oder die möchte geheim bleiben. Zugleich ist Kunst aber auch ein perfektes Vehikel, um Vermögen zu vermehren, zu verschieben und dieses vor Finanzbehörden und anderen staatlichen Zugriffen zu verstecken. Kunst eignet sich hervorragend als Fluchtkapital. Sie lässt sich in aller Regel gut transportieren. Zollbeamte können meist nicht unterscheiden, ob ein Gemälde 50 Euro oder 50 Millionen Euro wert ist. Und die Kunst lässt sich zudem in den geradezu extraterritorialen Freilagern weitgehend sicher vor staatlichen Zugriffen bunkern. Gezeigt hat sich das in den vergangenen Tagen ein weiteres Mal durch Enthüllungen zu dem aus Russland stammenden Oligarchen Roman Abramowitsch, Ex-Besitzer des englischen Premier-League-Fußballclubs FC Chelsea. Nach dem Untergang der Sowjetunion hat Abramowitsch ein sagenhaftes Vermögen mit ehemaligen eilig privatisierten Staatsbetrieben gemacht. Ihm wird eine große Nähe zu Wladimir Putin nachgesagt. Weswegen Abramowitsch infolge des Angriffskrieges auf die Ukraine unter anderem von Großbritannien und der EU mit Sanktionen belegt wurde. Zusammen mit seiner Ex-Frau Daria Schukowa, mit der er von 2008 bis 2017 verheiratet war, hat Abramowitsch eine sagenhafte Kunstsammlung zusammengetragen. Bekannt war, dass Abramowitsch insgesamt mehr als 100 Millionen Dollar für Gemälde von Francis Bacon und Lucian Freud ausgegeben hat. Jetzt aber konnte ein Recherche-Zusammenschluss diverser Medienhäuser – neben dem britischen Guardian gehören unter anderen auch das ZDF, der Spiegel und die österreichische Tageszeitung Standard dazu – geleakte Unterlagen des zypriotischen Finanzdienstleisters MeritServus analysieren und so bislang Unbekanntes über Abramowitschs Sammlung berichten. Eine Blue-Chip-Sammlung Fast eine Milliarde US-Dollar sei die Sammlung mit über 300 Werken wert, so die Erkenntnis. Und sie wird – oder wurde – über Trusts mit Namen wie Harmony, Ermine oder Seline verwaltet, die in Zypern oder auf der Kanalinsel Jersey residieren. Die Abramowitsch-Sammlung ist Teil des globalen Offshore-Kunstsystems, und das, was man auf jenem Teil des Kunstmarkts, der sich auch sprachlich an den Aktienmärkten orientiert, eine Blue-Chip-Sammlung nennt. Sie besteht aus extrateuren Werken von den großen Namen der modernen wie der zeitgenössischen Kunst, darunter: Pablo Picasso, Lucian Freud, David Hockney, Kasimir Malewitsch, Peter Doig, Alberto Giacometti, Egon Schiele. Die auf dem Kunstmarkt besonders beliebten deutschen Künstler sind auch dabei, Maler wie Gerhard Richter und Daniel Richter, Fotografen wie Thomas Ruff oder bleischwer arbeitende Bildhauer wie Anselm Kiefer. Sie alle eint, dass mit ihren Werken große Umsätze gemacht werden. Übrigens findet man kaum Namen von Künstlerinnen in den Auflistungen der Medienberichte. Was vor allem daran liegen könnte, dass Kunst von Frauen in den vergangenen Jahrzehnten nicht so teuer gehandelt wurde wie die von Männern. Allein deshalb schon blieb sie lange uninteressant für Investoren-Sammler. Abramowitsch habe versucht, so der Verdacht der an der Recherche beteiligten Medien, durch die Überschreibung der Mehrheit eines Trusts an seine Ex-Frau Schukowa die Beschlagnahme der riesigen Kunstsammlung im Zuge der Angriffe Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 zu verhindern. Schukowa hat einen US-amerikanischen Pass und steht nicht auf den Sanktionslisten. Abramowitsch hat sich laut der Berichte nicht zu diesem Verdacht geäußert. Schukowa, die zusammen mit Abramowitsch zwei Kinder hat, habe jeden Verdacht der Sanktionsumgehung zurückgewiesen, so liest man. Inzwischen ist Schukowa übrigens mit einem Spross aus der griechischen Reeder-Familie Niarchos verheiratet – dessen Großvater und Vater schon seit den 1940er-Jahren eine der berühmtesten Privatsammlungen der Welt zusammengetragen haben. Der Niarchos-Großvater hatte seine Sammlung früh gezeigt, sie bereits in den 1950er-Jahren in der Tate in London ausstellen lassen. Die Sammlung ging sogar auf eine Ausstellungstournee. Heute hängen Leihgaben aus dem Niarchos-Besitz wie Van Goghs Selbstporträt mit verbundenem Ohr im Kunsthaus Zürich. Neue Investment-Sammler wie Abramowitsch dagegen gehen gern diskreter mit ihrem Anlagegut um, sie nutzen es nicht mehr, um mit der Kunst in der Öffentlichkeit anzugeben, sondern lassen die wertvolle Ware lieber in den Zollfreilagern in der Schweiz, in Singapur und Luxemburg steuerfrei und von staatlicher Aufsicht weitgehend abgeschirmt verschwinden. Kunst im Wert von mehr als 100 Milliarden Schweizer Franken soll allein in den Schweizer Freilagern gehortet werden. Die Freilager sind die Darkrooms des globalen Kunstmarkts, hier kann man Kunst weiterverkaufen, ohne dass irgendwelche Steuern anfallen. Ursprünglich dienten die Zollfreilager in den großen Häfen und Handelsknotenpunkten nur der kurzen Zwischenlagerung von Waren, die auf ihrem Transportweg noch nicht im eigentlichen Zielland beim Abnehmer angekommen waren. Deshalb werden hier keine Zölle oder Steuern fällig. In den vergangenen Jahrzehnten wuchsen die Freilager dann zu den dauerhaften Kunstbunkern, die sie heute sind. Meist wickeln die Sammler und die großen Galerien ihre Geschäfte zusätzlich über Briefkastenfirmen in Panama, auf den Britischen Jungferninseln oder in anderen Steueroasen ab. Viele dieser Firmen sind so konstruiert, dass man den wahren Eigentümer der Kunst schwer ermitteln kann. Es sei denn, es kommt zu Leaks von geheimen Unterlagen wie im Fall der Panama Papers oder nun der sogenannten Oligarch Files. Oder aber zu juristischen Verfahren. Legendär ist die Auseinandersetzung zwischen dem einstigen "König der Freihäfen" Yves Bouvier und dem russischen Oligarchen Dmitri Rybolowlew. Seit gut einem Jahrzehnt streiten sich die beiden um ein Kunstgeschäft, das noch sehr viel umfangreicher als das des Roman Abramowitsch war. Der Milliardär Rybolowlew hatte sich diskret über Bouvier, den Betreiber mehrerer Freihäfen in Europa und Asien, eine Kunstsammlung im Wert von zwei Milliarden Dollar zusammenkaufen lassen. Irgendwann fand Rybolowlew dann aber heraus, so lautet seine Version der Geschichte, dass Bouvier selbst Hunderte Millionen an dem Geschäft mit ihm verdient hatte – und versuchte ihn auf mehreren Kontinenten zu verklagen. Durch die Gerichtsverfahren bekam man einen exakten Einblick in die Abläufe des Offshore-Kunstsystems. Wie ein schwarzes Loch funktioniert dieses System. Auch viele Gemälde aus der ehemaligen Sammlung Rybolowlew sind bis heute nicht mehr öffentlich gezeigt worden. Das teuerste, der von einigen Experten Leonardo da Vinci zugeschriebene Salvator mundi, wurde nach seiner Versteigerung bei Christie's 2017 für 450 Millionen Dollar nicht einmal für eine große Leonardo-Retrospektive im Pariser Louvre herausgerückt. Das saudische Königshaus soll das Gemälde damals von Rybolowlew ersteigert haben. Wenn Kritiker "underwhelmed" sind von Ausstellungen Der Guardian vermutet nun, dass eine Retrospektive der Londoner National Gallery 2022 zum Werk von Lucian Freud auch deshalb von vielen Kritikern so "underwhelmed" aufgenommen wurde, weil bedeutende Freud-Werke aus der Sammlung Abramowitsch fehlten. Die Kunstwerke wären als Leihgaben in London, so die Vermutung, womöglich von Beschlagnahmung bedroht gewesen. Sie müssen also versteckt bleiben. Was im Fall von Kunst nun eben auch sehr viel einfacher ist als im Fall von über 100 Meter langen Motorjachten und Privatflugzeugen wie dem Dreamliner von Abramowitsch. Womöglich haben die Trusts von Abramowitsch und Schukowa einige ihrer berühmtesten Werke bereits weiterverkauft, sicher können das nur die Eigentümer selbst bestätigen oder ausschließen. Es gibt kein Grundbuchamt für Kunst. Was Sammler nicht nur im Hinblick auf etwaige Sanktionen, sondern auch auf die in vielen Ländern fällige Vermögens- und Erbschaftssteuer freut. Auktionshäuser und Galeristen haben ebenfalls eher wenig Interesse, an dieser Intransparenz des Kunstmarkts etwas zu ändern, denn das Wissen um die Besitzerinnen und Besitzer von Kunstwerken ist das größte Geschäftskapital im Kampf mit der Konkurrenz. Möchte ein Sammler unbedingt einen Monet haben – auch dieser Name findet sich angeblich in den Unterlagen zu Abramowitschs Sammlung –, so kann man als Kunsthändler mit dem Insider-Wissen, wo sich welche Monets befinden, ein sehr gutes Geschäft machen. Dabei wäre ein öffentliches Werkverzeichnis für die Kunst, eben eine Art globales Grundbuchamt, eine Lösung für viele Probleme des Kunstbetriebs. Es würde helfen, Betrügereien und Fälschungen zu verhindern. Und vielleicht langfristig dafür sorgen, dass gerade die wertvollste Kunst wieder sichtbarer wird.