Wednesday, September 27, 2023

Govtech: Mitten im Krieg digitalisiert die Ukraine ihre Verwaltung – 27 Behörden-Aufgaben in einer App

Handelsblatt Govtech: Mitten im Krieg digitalisiert die Ukraine ihre Verwaltung – 27 Behörden-Aufgaben in einer App Artikel von Steuer, Helmut • 5 Std. Der Präsident der Ukraine hat Anfang September die neue Bildungsapp „Mrija“ vorgestellt. Foto: IMAGO/ZUMA Wiredata-portal-copyright= Die Ukraine bietet ihre Regierungs-App jetzt auch anderen Staaten an. Schwierig sei die Zusammenarbeit mit Deutschland, sagt der Entwicklungschef. Unter dem Druck des Krieges hat die Ukraine die Digitalisierung von Verwaltungsdienstleistungen auf ein neues Niveau gehoben. 27 Aufgaben, die früher einen Behördengang erforderten, können die Ukrainer nun über eine App erledigen. „Wir starteten die App im Februar 2020, doch nach der Invasion Russlands mussten wir schnell neue Funktionen einbauen“, sagte Slava Banik, Chef der App-Entwickler, dem Handelsblatt auf einer Digitalisierungskonferenz in Tallinn. „Ukrainerinnen und Ukrainer in den besetzten Gebieten konnten nicht mehr einfach und sicher ihre Behördengänge erledigen. Das wäre wegen der Kampfhandlungen zu gefährlich gewesen.“ Neben den virtuellen Behördengängen enthält die App nun auch weitere Funktionen wie den elektronischen Pass und zum Beispiel die Möglichkeit, Bahntickets zu buchen, sich vor Luftangriffen warnen zu lassen oder Kollaborateure Russlands zu melden. Man habe etwa 50 solcher Zusatzfunktionen in die App integriert, schätzt Banik. Die Behörden-App der Ukraine heißt „Diia“, was so viel bedeutet wie „Aktion“ oder „Handeln“. „Ob Steuererklärung, Beantragung des Passes oder Führerscheins, Auto-Registrierung, Baugenehmigung, Anträge auf Sozialleistungen oder Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung – alles lässt sich über die App machen“, sagt Banik. Außerdem beinhaltet die App den digitalen Pass. Die Vorteile der App Seit Kriegsbeginn implementierten die etwa 25 Entwickler zusätzlich die Möglichkeit, die Rente oder andere Sozialleistungen online zu beantragen. „Schließlich haben viele unserer Bürger keine Möglichkeit mehr, Geld zu verdienen“, sagt der Diia-Chef. So ist es über die App möglich, Schäden am eigenen Haus oder der Wohnung durch Beschuss der russischen Armee schnell und unbürokratisch zu melden und finanzielle Hilfe für den Wiederaufbau zu beantragen. Auch können eventuelle Kollaborateure oder russische Stellungen auf dem Gebiet der Ukraine gemeldet werden. Banik sieht weitere Vorteile: „Die Kosten in der Verwaltung sind deutlich gesunken, und die App hat auch einen Antikorruptionseffekt, da alles transparent ist.“ Außerdem würde sie „das Leben ein bisschen einfacher und in Kriegszeiten auch sicherer machen“. Bislang nutzen 19,5 Millionen Menschen die Diia-App. Das sind mehr als 70 Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Älteren Menschen, die möglicherweise kaum Erfahrungen mit digitalen Angeboten haben, wird über ausführliche Tutorials geholfen. Außerdem betont Banik, dass die App sehr intuitiv und einfach gehalten ist. „Es ist oftmals sehr viel einfacher, etwas mit der App zu beantragen, als ein kompliziertes Formular auszufüllen.“ Ein Beispiel: „Wenn Sie ein kleines Unternehmen in der Ukraine gründen wollen, müssen Sie im Papier-Formular ganze 58 Felder ausfüllen. In der Diia-App sind es gerade einmal zehn." Das sei möglich, da viele Daten den Behörden bereits bekannt seien und sie deshalb automatisch eingefügt würden, erklärt er. Bedenken, was Datensicherheit betrifft, hat Banik nicht. Viele persönliche Daten seien nur auf dem eigenen Smartphone gespeichert, andere in dezentralisierten Rechenzentren. Sicherheitskopien würden wie in Estland außerhalb des eigenen Landes in einem EU-Land verwahrt. Vorreiter Estland übernimmt zentrale Funktion Bisher gilt Estland als Vorreiter der Digitalisierung in Europa. In dem kleinen baltischen Land können die Bürger seit mehreren Jahren sogar elektronisch wählen. Nahezu alle öffentlichen Dienstleistungen lassen sich am Computer erledigen. Selbst das Registrieren eines neuen Unternehmens geschieht online und dauert nur wenige Minuten. Doch eines ging in dem hochdigitalisierten Land bislang nicht: diese Behördengänge auch mobil zu erledigen. In Estland braucht man einen Computer. Handy oder Tablet waren von dem digitalen Behördengang ausgeschlossen. Das wird sich demnächst ändern. Denn während die Ukraine Teile des estnischen Systems in ihre Diia-App integriert hat, wird Estland die von den ukrainischen IT-Spezialisten entwickelte mobile Anwendungsmöglichkeit in ihr System implementieren. „Wir haben bei der Entwicklung unserer App sehr von den estnischen Erfahrungen profitiert“ sagt Banik. „Jetzt geben wir unsere Erfahrungen und Lösungen an Estland weiter.“ Die mobile Lösung sei wichtig, da mehr und mehr Menschen statt eines Computers nur ihr Mobiltelefon oder ihr Tablet benutzen. Damit können sehr viel mehr Menschen teilhaben.“ Geld verdient die Ukraine mit dem Überlassen der technischen Lösungen nicht. „Wir wollen kein Geld, denn während des Krieges haben wir so viel Unterstützung von anderen Ländern erhalten. Deshalb wollen wir jetzt etwas zurückgeben“, unterstreicht der Diia-Chef. Neben Estland wollen auch Äthiopien, Sambia, Sansibar und Kolumbien die ukrainische Entwicklung übernehmen. „Mit zehn weiteren Ländern sind wir in Verhandlungen.“ Auch Finnland sei interessiert, so Banik. Warum Deutschland ein schwieriger Partner ist In Deutschland habe man ebenfalls erste Gespräche geführt. Allerdings sei das sehr schwierig, da die einzelnen Bundesländer unterschiedlich weit mit der Digitalisierung gekommen seien und teilweise auch unterschiedliche Systeme nutzten. „Ich kenne einige Behörden und Bundesländer in Deutschland, die Interesse haben, andere aber nicht“, sagt Banik. Konkreter will er nicht werden. „Ein generelles Problem ist es, dass Regierungen keine Konkurrenz haben. Wenn sich ein Unternehmen nicht modernisieren und besseren Service bieten will, geht es unter. Regierungen müssen sich vor keinem Mitbewerber fürchten.“ Banik wünscht sich, dass Regierungen stärker proaktiv agieren. In seinem Heimatland habe Präsident Wolodimir Selenski die Diia-Entwicklung maßgeblich vorangetrieben. „Das war nicht der Wunsch der Bürger. Die wussten ja gar nicht, dass so etwas wie Diia möglich ist. Heute wollen die meisten Ukrainer auf Diia nicht mehr verzichten. Deshalb muss eine Regierung vorausschauend arbeiten“, ist Banik überzeugt. >> Lesen Sie hier: Welche Minister Deutschland digitaler machen – und welche nicht Die Ukraine hatte sich schon vor dem russischen Angriff auf das Land zu einem digitalen Hotspot in Europa entwickelt. Viele, vor allem US-amerikanische IT-Firmen betrieben Software-Entwicklungszentren in Kiew. Das hat sich auch während des Krieges nicht grundlegend geändert. In der ukrainischen Hauptstadt arbeiten Tausende Programmierer – teils für ausländische IT-Unternehmen, teils für ukrainische Start-ups. „Seit Kriegsausbruch haben sich allein in Kiew mehr als 500 neue ausländische IT-Firmen niedergelassen“, berichtet Banik stolz. Den Grund dafür kennt er auch: „Die Ausbildung für Programmierer ist in der Ukraine auf einem Topniveau.“