Thursday, December 22, 2022
Taliban: Ungebildet und stolz darauf
ZEIT ONLINE
Taliban: Ungebildet und stolz darauf
Artikel von Hasnain Kazim • Vor 1 Std.
Frauen in Afghanistan dürfen keine Universitäten mehr besuchen. Das zeigt: Die Taliban hegen nicht nur einen tief sitzenden Frauenhass, sondern lieben die Unwissenheit.
Afghanische Studentinnen stehen vor einer Universität in Kabul, die vom Sicherheitspersonal der Taliban bewacht wird.
Ein paar Wochen noch, dann kann Afghanistan ein trauriges Jubiläum feiern: Seit 500 Tagen dürfen dann in dem Land Mädchen ab elf Jahren keine Schule mehr besuchen. Als die Taliban nämlich am 15. August 2021 in Afghanistan wieder an die Macht kamen, ordneten sie einen Monat später an, Mädchen höchstens den Besuch der Grundschule zu erlauben, danach solle Schluss sein mit Bildung. Damit war und ist Afghanistan das einzige Land der Welt, das Mädchen eine umfassende Schulausbildung verwehrt.
Und das, obwohl die Taliban noch mit ihrer Machtübernahme versprachen, fortan Frauen Gleichberechtigung zu ermöglichen. Sie hätten sich geändert, hätten gelernt, behaupteten sie. Und im Subtext bedeutete das: "Stellt die internationalen Geldzahlungen an Afghanistan nicht ein!" Jeder, der diese Leute auch nur ein wenig kannte, hätte sagen können, dass sie lügen.
Am Dienstag hat die Talibanführung eine Erklärung veröffentlicht, wonach sämtliche Universitäten im Land angewiesen werden, Frauen die Ausbildung zu verwehren. Damit gilt nun auch im universitären Bereich faktisch ein Bildungsverbot für Frauen. Frauen, die bis jetzt noch studieren durften, haben somit keinen Zutritt mehr zu privaten und staatlichen Universitäten. Auch das gibt es sonst nirgendwo auf der Welt.
Ausgerechnet Afghanistan, das seit mehr als vier Jahrzehnten von Krieg und Gewalt erschüttert wird und das jeden, wirklich jeden klugen Kopf gebrauchen könnte, um das Land wiederaufzubauen! Ein Land, in dem sich vor wenigen Monaten erst Tausende junge Frauen an den Universitäten eingeschrieben hatten und das mehr denn je Ärztinnen und Lehrerinnen braucht.
Afghanistan wirft seine Chancen weg
Ausgerechnet dieses Land, das mit seiner jungen Bevölkerung – sechzig Prozent sind unter vierundzwanzig Jahre alt – so viel erreichen könnte, wenn es Bildung zu seiner höchsten Priorität machte!
Ausgerechnet Afghanistan, das – bei allem Negativen, das der Einmarsch der USA und seiner Alliierten 2001 und der Krieg bis 2021 dem Land gebracht hat – in der Bildungsinfrastruktur in den zurückliegenden zwanzig Jahren doch erheblich zugelegt hatte. Ausgerechnet dieses Afghanistan wirft diese Chance einfach weg!
Allein was das Schulverbot angeht, dürften Schätzungen zufolge mehr als eine Million Mädchen betroffen sein. Offizielle Begründung für die Bildungsfeindlichkeit: keine. Hört man den Taliban aber zu, kennt man ihre Gründe recht schnell: Sie glauben allen Ernstes, Frauen seien Männern selbst in alltäglichen Belangen unterstellt, sie gehörten aus der Öffentlichkeit verbannt oder doch so unsichtbar wie möglich. Daher gilt seit der neuerlichen Machtübernahme der Taliban auch wieder das Verhüllungsgebot – Frauen müssen, sobald sie die eigenen vier Wände verlassen, eine Burka tragen.
Die Taliban behaupten, sie seien zwar für Frauenrechte, aber diese müssten "im Einklang stehen mit den islamischen Vorschriften". Kein Wunder, dass sie das sagen, denn ihre Vorstellung von Bildung besteht darin, dass Jungen in der Medresse den Koran auswendig lernen, in einer Sprache, die sie nicht verstehen, nämlich auf Arabisch, jener Sprache, in der ihrer Ansicht nach Gott, Allah, ihn dem Propheten Mohammed diktiert hat. Sie mögen keine Literatur, sie mögen keine Musik, sie mögen keinen Tanz, sie mögen keine Bilder. Kultur ist ihnen fremd, und da nützt es auch nichts, dass es ein paar von Taliban verfasste Gedichte gibt.
Alles, was sie mögen, ist ein Text, den sie nicht verstehen. Denn verstünden sie, was da steht, wüssten sie, dass es neben jenen Passagen, die Unterwerfung vor Gott, ein Ausrichten des Lebens nach religiösen Vorschriften, die Abwendung von allem Weltlichen, auch jene Textstellen gibt, die Bildung verlangen, eine kritische Auseinandersetzung mit der Welt, ein Streben nach Wissen und Anstrengung im Leben als Zeichen der Gottergebenheit, denn von nichts kommt nichts. Und sie wüssten, dass man ebenso gut Textstellen heranziehen kann, die eine absolute Gleichstellung von Mann und Frau in allen Lebensbereichen zum Ziel haben.
Aber das kapieren sie nicht und wollen es natürlich auch nicht kapieren. Sie verharren lieber in ihrer Unwissenheit, sind stolz darauf und halten das für ein Zeichen ausgewiesener Frömmigkeit. Oft genug ist aus afghanischen Kreisen zu hören, die Taliban seien, wie nun einmal die gesamte Gesellschaft, "konservativ", das könne man nicht ändern und müsse es respektieren. Nun, konservativ zu sein, also das Gute zu bewahren im Sinne des lateinischen Wortes conservare, ist das eine. Sich den faulsten Weg auszusuchen und dabei die Hälfte der Bevölkerung zu unterdrücken, nur um sich am Ende über jemanden stellen zu können, ist das andere: ein Chauvinismus, der sich selektiv auf Texte und Traditionen beruft und zur Folge hat, dass Frauen mühsam gewonnene Freiheitsrechte, darunter das Recht auf Bildung, verlieren.
Ein Sieg der männlichen Dummheit
Es ist ein Sieg der männlichen Dummheit unter dem Deckmantel der Religion. Und es ist weder "der Westen", der Afghanistan diese Bildungsferne beschert, noch ist es "der Islam", sondern es ist die bewusste Entscheidung einer Gruppe von Männern, die man auf Fotos und, ich weiß es aus eigenem Erleben, im Alltag ständig mit Kalaschnikows, aber nie mit Büchern oder einem Stift in der Hand sieht. Es ist eine Entscheidung, die keine Randnotiz bleiben darf in den internationalen Nachrichten, sondern es muss ein Aufschrei durch die Welt gehen.
Ein Schul- und nun auch Universitätsverbot für Frauen in einem Land wie Afghanistan, mit etwa 38 Millionen Einwohnern, ist nicht von einer kleinen Gruppe durchzusetzen. Sondern diese Entscheidung wird durchaus von vielen im Land gutgeheißen oder zumindest hingenommen. Immerhin gibt es mutige Gruppen von Frauen, aber auch von Männern, die dagegen protestieren. Diese Menschen sollten wir unterstützen und uns von niemandem einreden lassen, dies wäre eine Einmischung in Angelegenheiten eines anderen Landes oder eine unzulässige Kritik an einer fremden Kultur. Das Recht auf Bildung muss universell gelten. Und mit Kultur hat das Benehmen der Taliban nichts zu tun.