Thursday, September 1, 2022

Von wegen Preisschock: Was die Stromtarife betrifft, leben die Schweizer Haushalte in einer Märchenwelt

Neue Zürcher Zeitung Deutschland Von wegen Preisschock: Was die Stromtarife betrifft, leben die Schweizer Haushalte in einer Märchenwelt Stefan Häberli, Bern - Vor 8 Std. | Der 31. August ist so etwas wie der Tag der Wahrheit. An diesem Stichtag müssen die rund 630 Schweizer Netzbetreiber den Kunden und der Stromaufsicht Elcom jeweils ihre Tarife für das kommende Jahr melden. Normalerweise schlägt dies keine grossen Wellen. Die Stromrechnung spielt im typischen Haushaltsbudget eine eher marginale Rolle. Im Warenkorb des Landesindexes der Konsumentenpreise, mit dem die Bundesstatistiker die Teuerungsrate berechnen, beträgt das Gewicht rund 2 Prozent. In der Stadt Zürich gibt ein vierköpfiger Haushalt mit einer 5-Zimmer-Wohnung und einem Verbrauch von 4500 Kilowattstunden (kWh) monatlich rund 100 Franken für Strom aus. Das ist nicht nichts. Aber verglichen mit den Krankenkassenprämien, die für eine solche Familie mindestens rund 700 Franken kosten, handelt es sich um einen relativ unbedeutenden Ausgabeposten. Espresso-Kochen wird nicht zum Luxus. Haushalte werden von der Preisexplosion am Strommarkt abgeschottet. Horrorgeschichten von Unternehmen Trotzdem dürften am Mittwoch zahlreiche Privatkunden mit einem mulmigen Gefühl die Website ihres Stromversorgers aufgesucht haben. Seit Tagen machen in den Medien Horrorgeschichten aus der Firmenwelt die Runde. So schilderte die «NZZ am Sonntag» unlängst den Fall der Druckerei Büetiger aus Biberist. Die Firma müsste bei gleichbleibendem Verbrauch im kommenden Jahr 600 000 Franken statt wie bisher 100 000 Franken für Elektrizität zahlen. Auch der Besitzer des Hotels Storchen in Zürich erklärte jüngst gegenüber SRF, dass sich die Stromkosten von 180 000 auf 2 Millionen Franken erhöhten. Für die Haushalte besteht allerdings kein Grund zur Panik. Sie werden vor solchen Preisexplosionen verschont. Bei den geschilderten Extremfällen handelt es sich um Unternehmen, die sich auf dem freien Markt mit Elektrizität eindecken. Seit 2009 können Firmen mit einem Verbrauch von mehr als 100 000 kWh – was etwa jenem von zwei Dutzend vierköpfigen Haushalten entspricht – ihren Stromlieferanten frei wählen. Für diese Variante haben sich in der Schweiz rund 23 000 Unternehmen entschieden. Die restlichen Firmen, gemäss Zahlen von 2019 sind es etwa 580 000, erreichen entweder den geforderten Stromverbrauch nicht. Oder sie sind freiwillig in der Grundversorgung des angestammten Versorgers geblieben. Für Firmen besteht keine Pflicht, sich den Strom im liberalisierten Markt zu beschaffen. Haben sie sich einmal dafür entschieden, gibt es allerdings kein Zurück mehr. Die Haushalte haben gar keine Wahl. Sie sind im Monopol gefangen. Der Wohnort bestimmt den Anbieter und damit den Stromtarif. In «normalen» Zeiten ist das ein Nachteil. Privatkunden zahlen typischerweise mehr als Unternehmen, die sich den Strom auf dem freien Markt beschaffen. Das hat sich radikal geändert. Nun sind es die Haushalte, die von den regulierten Stromtarifen in der Grundversorgung profitieren. Für Kunden, die den Stromlieferanten nicht auswählen können oder wollen, überwacht die Elcom die Elektrizitätstarife. Die Behörde nimmt im Strombereich eine ähnliche Rolle ein wie der Preisüberwacher. In der Grundversorgung sind die Versorger in der Preissetzung eingeschränkt. Die Tarife müssen sich gemäss Gesetz an den Gestehungskosten – dabei handelt es sich stark vereinfacht gesagt um die Selbstkosten – und den langfristigen Lieferverträgen orientieren. Dadurch werden in der gegenwärtigen Knappheitssituation die Preisanstiege für die Haushalte gedämpft. Wie stark sich die Stromrechnung im kommenden Jahr erhöht, hängt massgeblich vom Geschäftsmodell des Versorgers ab. Kunden von Versorgern, die den Strom in eigenen Kraftwerken produzieren, leben in der besten aller Welten. Sie kommen mehr oder weniger ungeschoren davon. Diese Anbieter dürfen den Haushalten im Wesentlichen die Gestehungskosten verrechnen – und diese hängen nicht vom Preis des Stromes an den Börsen ab. Wer Stadtzürcher ist, hat Glück Ein Beispiel dafür ist das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ). Mit dem günstigsten Produkt steigt der Hochtarif im kommenden Jahr lediglich um rund 4 Prozent pro Kilowattstunde. Damit erhöhen sich die jährlichen Ausgaben für Elektrizität eines vierköpfigen Haushalts um etwa 50 Franken auf 1240 Franken. Das entspricht Mehrkosten von rund 4 Franken pro Monat. Die Preiserhöhung des EWZ geht zudem nicht auf das Konto des «eigentlichen» Strompreises. Die Kosten, die den Haushalten für die Produktion und die Beschaffung von Energie verrechnet werden, ändern sich gegenüber 2022 nicht. Teurer wird die Stromrechnung vor allem wegen der Netzabgabe. Mit dieser Preiskomponente verrechnet das EWZ den Kunden einen Teil der Kosten für Bau, Instandhaltung und Betrieb des Verteilnetzes. Die aktuelle Tariferhöhung ist auch eine Folge davon, dass Swissgrid, die nationale Betreiberin des Übertragungsnetzes, die Preise erhöht hat. Diese Mehrkosten gibt das EWZ an die Kunden weiter. Zudem wurde die kommunale Abgabe erhöht. Diese wird beispielsweise zur Finanzierung der öffentlichen Beleuchtung oder der Massnahmen zur Erreichung der «2000-Watt-Ziele» eingesetzt. Unter dem Strich werden die Stadtzürcher Haushalte von der Preisexplosion am Strommarkt abgeschirmt. Weniger Glück haben die Winterthurer. In der zweitgrössten Stadt des Kantons Zürich steigen die Stromkosten für den erwähnten Musterhaushalt im kommenden Jahr um 30 Prozent oder 350 Franken auf rund 1500 Franken. Das liegt daran, dass das Stadtwerk Winterthur nur rund 20 Prozent der Elektrizität selber produziert. Den Rest muss es am Markt einkaufen. Die Versorger schliessen dafür in der Regel langfristige Verträge ab. Das ist eine Gratwanderung. Sie müssen dabei ähnliche Überlegungen anstellen wie der Normalbürger beim Abschluss oder bei der Verlängerung einer Hypothek: Steigen oder sinken die Preise? Wie lange wollen wir uns vertraglich binden? Und welche Risiken können oder wollen wir eingehen? Naturgemäss wissen die Versorger erst im Nachhinein, ob sie die Situation richtig eingeschätzt haben. Neben Verstand spielt auch Glück eine Rolle. Die Stadtwerke Winterthur scheinen sich zumindest nicht grob verspekuliert zu haben. Die Preiserhöhung um 30 Prozent entspricht etwa dem von der Strombranche erwarteten Median. Je die Hälfte der Versorger wird die Tarife also stärker oder weniger stark erhöhen. Mit Mehrkosten von monatlich rund 30 Franken kommt ein Winterthurer Musterhaushalt einigermassen glimpflich davon. Pech hatten hingegen die Einwohner von Oberlunkhofen im Kanton Aargau: Dort musste der lokale Energieversorger eine Tariferhöhung um 263 Prozent bekanntgeben. Für einen Haushalt mit einem Verbrauch von 4500 kWh erhöht sich in der Gemeinde die Stromrechnung um 174 Franken pro Monat. Gegenüber den CH-Media-Zeitungen gab der Präsident der Elektra-Genossenschaft Oberlunkhofen unumwunden zu: «Ja, wir haben einen Seich gemacht, und dazu stehen wir.» Die Gemeinde im Reusstal ist allerdings ein Extremfall. Die meisten Haushalte dürften mit einem blauen Auge davonkommen. Die Kehrseite der Märchenwelt Das ist nicht nur eine gute Nachricht. Die massiv gestiegenen Marktpreise widerspiegeln die Stromknappheit. Die regulierten Stromtarife schotten die Haushalte von der Realität ab und schaffen eine Art Märchenwelt. Der Preis, den Private bezahlen, ist deutlich zu niedrig. Der finanzielle Anreiz zum Stromsparen ist entsprechend gering. Ein Vorzug von Marktpreisen ist, dass sie sich so einpendeln, dass Angebot und Nachfrage übereinstimmen. Wird der Preis künstlich gedeckelt, entsteht hingegen ein Nachfrageüberhang; die nachgefragte Menge übersteigt also das Angebot. Manche Konsumenten würden zwar liebend gerne zum vorherrschenden Preis kaufen, doch sie gehen leer aus. Wenn bei der Lancierung eines neuen iPhones der Einführungspreis zu niedrig angesetzt wird, ist das nicht weiter schlimm. Manche Apple-Jünger müssen sich halt ein paar Wochen länger gedulden. Die Konsequenzen einer künstlichen Verbilligung der Elektrizität können weitaus gravierender sein. Zumindest dann, wenn sich die Lage auf dem Strommarkt weiter verschärft und sich die Bevölkerung von den Sparappellen des Bundesrates nicht beeindrucken lässt. In einem solchen Szenario erhöht die durch regulierte Preise geschaffene Märchenwelt die Wahrscheinlichkeit von Rationierungen oder gar rollierenden Abschaltungen des Stromes. Wer marktgerechtere – sprich: höhere – Strompreise als «zynisch» bezeichnet, sollte sich dieser Güterabwägung bewusst sein.