Thursday, September 1, 2022
INTERVIEW - Sigrid Löffler: «Es gibt einen Autor, den ich verabscheue – nicht weil er verlogen ist, sondern weil er seine Leser verachtet: Michel Houellebecq»
Neue Zürcher Zeitung Deutschland
INTERVIEW - Sigrid Löffler: «Es gibt einen Autor, den ich verabscheue – nicht weil er verlogen ist, sondern weil er seine Leser verachtet: Michel Houellebecq»
Paul Jandl - Dienstag
Frau Löffler, es war 1989, als Ihnen Elfriede Jelinek den schillernden Satz ins Mikrofon gesagt hat: «Ich mag die Männer nicht, aber ich bin sexuell auf sie angewiesen.» Ist das auch ein feministischer oder gar antifeministischer Satz?
Dieses Dilemma kennt jede Hetero-Feministin. Man kann aber sehr wohl privat mit Männern befreundet sein und sich gleichzeitig politisch für Frauenrechte und gegen unfaire Männerdominanz engagieren.
Sie haben Ende der sechziger Jahre bei der Wiener «Presse» in der Aussenpolitik begonnen und dann schnell Karriere gemacht beim österreichischen «Profil». Daneben haben Sie für die «Zeit», die «Süddeutsche Zeitung» und andere deutsche Printmedien geschrieben. Ganz konfliktfrei war alles das nicht.
Ich bin als Berufsanfängerin vom Chefredakteur der «Presse» entdeckt und gefördert worden, einem Mann. Später, beim «Profil», habe ich die ambivalente Haltung männlicher Vorgesetzter gegenüber einer ehrgeizigen Kollegin zu spüren bekommen, erst recht, wenn sie sich in der Branche einen Namen zu machen beginnt. Einerseits nützt das dem Blatt, und die Chefs können sich damit schmücken; andererseits halten sie es schwer aus, von einer Frau in den Schatten gestellt zu werden.
Ich bin kein Mythos. Ich habe nur lernen müssen, dass man als Frau nicht zugleich erfolgreich und bei allen Männern wohlgelitten sein kann.
Entgegen den Erwartungen der literaturbetrieblichen Herrenriegen war da plötzlich eine Frau, die sich für mehr Rationalität beim professionellen Lesen starkmachte. War das das Problem?
Ich bin eine alte Aufklärerin. Wenn man in Österreich aufgewachsen ist, ist das eigentlich unumgänglich. Als Journalistin habe ich mich an den österreichischen Geschichtslügen abgearbeitet, etwa der bequemen Nachkriegslüge, dass Österreich das erste Opfer Hitlers gewesen sei. Dieses klerikofaschistische Milieu war in den fünfziger Jahren noch von einer bedrückenden Dichte. Man konnte sich nur in Literatur flüchten.
War das auch eine Flucht aus der eigenen Familie?
Nein. Meine Eltern waren aufstiegs- und bildungsorientierte Kleinbürger. Ich verdanke ihnen meinen Zugang zu allem, was Kultur bedeutet. Sie hatten ein Staatsopern- und ein Burgtheater-Abonnement. Und eins vom Musikverein. Meine erste Oper war «Die Walküre». In Wien, wo ich aufgewachsen bin, war ich als Protestantin immer in einer Minderheit. Unsere Deutschlehrerin hat uns nur ultrakatholische Literatur zu lesen gegeben. Alles war durch die Brille des Katholizismus gesehen. Ich habe es gehasst und unter der Bank Camus gelesen.
Kommt aus diesen Abstossungsreaktionen auch die Befähigung zum Kritiker?
Vielleicht. Ich habe einen mir selbst gar nicht unbedingt erklärbaren Zugang zu einem Buch. Es ist wie mit der Sympathie. Man findet einen Menschen auf den ersten Blick sympathisch oder unsympathisch. Er kann einem auch gleichgültig sein. Die erste Begegnung mit einem Menschen oder auch einem Buch ist jedenfalls nicht rational. Erst danach setzt der kritische Verstand ein.
Analyse ist ja oft ein Feind der Liebe.
Bei meiner Liebe zu gewissen Büchern ist es so, dass sie der rationalen Analyse standhalten. Ich habe mich etwa in Tolkiens «Herr der Ringe» oder in die «Harry Potter»-Romane spontan verliebt, kann diese Liebe aber auch ästhetisch begründen.
Welche Lesevergnügen verzeihen Sie sich nicht?
Es gab Zeiten, da war ich stolz drauf, viele Bücher von Karl May gelesen zu haben. Nicht verzeihen kann ich mir, dass ich die Qualität von bestimmten Büchern nicht auf Anhieb erkannt habe. Bei Thomas Bernhards Roman «Auslöschung. Ein Zerfall» etwa dachte ich, das sei wieder einmal mehr vom Gleichen, und hab’s einigermassen schnöde wegrezensiert. Es war ausgerechnet Peter Handke, der mich darauf aufmerksam gemacht hat, dass ich mich irre. Dann habe ich den Roman noch einmal gelesen und erkannt, dass es Bernhards wichtigstes Buch ist.
Kritiker haben bekanntermassen Angst, schlichten Verführungen von Büchern zu erliegen. Wie gross ist die Versuchung, extrahart zu urteilen? Wie gross die kreative Kraft des Zorns?
Da sind wir bei der Frage des Verrisses. Als junge Kritikerin habe ich natürlich ganz gerne Verrisse geschrieben. Aus den offensichtlichen Gründen: Man fällt auf, man kann seinen Witz vorführen. Man hat natürlich auch Spass dran. Man weiss, dass es auch den Lesern Spass macht. Schadenfreude ist da im Spiel. Der Wortschatz fürs Loben ist begrenzt. Fürs Verreissen ist er geradezu unbegrenzt. Wenn ich allerdings heute etwas verreisse, dann muss es ein Gegenstand sein, der es wert ist. Bücher, die nichts taugen, müssen nicht auch noch durch einen Verriss geadelt werden. Beim Büchnerpreisträger Martin Mosebach hingegen hat es mich gereizt, ihn kritisch aufs Korn zu nehmen.
Wegen seiner Attitüden?
Seine Manieriertheiten sind eher lächerlich, er würde sagen: ridikül. An ihm hat mich vielmehr das Verdruckste und Verschwiemelte gestört. Er tritt in seinen Romanen als weltläufiger Bildungsbürger auf und will damit nicht nur seine Stammleserschaft beeindrucken. Aber er hat eine versteckte Seite. Ich meine nicht so sehr diesen vorkonziliaren Katholizismus, den er paradiert. Das geht ja so weit bei ihm, dass er den Christen hierzulande vorwirft, ihnen fehle die Bereitschaft zum Märtyrertum, wie sie etwa muslimische Selbstmordattentäter an den Tag legen. Ich meine die finsteren reaktionären Bücher, die er in einem Wiener Winkelverlag publiziert, unbemerkt von der Frankfurter Hautevolee, die ihn verehrt.
Haben nicht viele Autoren ein moralisches Hinterland, über das man gar nicht alles wissen will? Literatur entsteht ja aus inneren Widersprüchen. Peter Handke wäre auch ein Beispiel.
Ich habe Peter Handke mein Leben lang gelesen und mir eine distanzierte Grundsympathie für ihn bewahrt. Diese Obsession mit dem zerfallenen Jugoslawien habe ich natürlich beobachtet. Ich habe am Anfang zu verstehen geglaubt, warum er, der sich mütterlicherseits als Slowene fühlt, den Bruch Sloweniens mit dem restlichen Jugoslawien bedauert hat. Dann hat es Verhärtungen gegeben. Etwas, das sich aus Trotz hochgeschaukelt hat. Und er hat Dinge gemacht, die man nicht tut. Man fährt nicht zum Begräbnis des Kriegstreibers Slobodan Milosevic. Und man hält dort auch keine Rede.
Dann gab es im Vorjahr noch die nationalistischen serbischen Orden, mit denen Handke sich hat auszeichnen lassen.
Das sind alles gruselige Sachen, die ich mir nur erklären kann mit seinem Trotz und seiner Beratungsresistenz. Ich sehe aber auch, dass Handke zumindest in seiner Literatur ziemlich hart mit sich selbst ins Gericht geht und auch versucht, aus dieser Ecke wieder herauszukommen. In der «Morawischen Nacht», dem «Versuch über den Stillen Ort» oder dem «Versuch über den Pilznarren» schaut er sich selbst mit einem sehr befremdeten Blick an.
Aber auf die Bücher folgen immer wieder politische Rückfälle.
Die Rückfälle passieren in der Realität, in der Literatur hält Handke Gerichtstag über sich selbst. Und die Literatur interessiert mich dann eben mehr, muss ich sagen.
Ist das ein katholisch-österreichisches Phänomen? In den Büchern gibt es die Beichte, und dann kann wieder gesündigt werden?
Wenn Sie das unbedingt religiös deuten wollen! Ich glaube aber nicht, dass Handke sehr christlich ist.
Wie moralisch müsste der Literaturnobelpreisträger Handke sein?
Es geht bei ihm nicht um Moral, es geht um die Einsicht in politische Verirrungen. Handke ist vielleicht selbstbesessen, aber er ist auch gnadenlos sich selbst gegenüber. Er wird halt auch schon achtzig und ist ein Eigenbrötler. Als junger Mann hat er sich als urbaner junger Dandy verstanden, der Rückzug in die Schrulligkeit ist eine Alterserscheinung.
Stichwort Literatur und Lüge. Welche Autoren halten Sie denn für besonders verlogen?
Es gibt einen Autor, den ich verabscheue – nicht weil er verlogen ist, sondern weil er seine Leser verachtet: Michel Houellebecq. Er schreibt so unfassbar schlecht! Nachlässig, wurstig. Er macht sich nicht die Mühe, gut zu schreiben. Houellebecqs ständige Provokationen, sein Frauenhass – alles geschenkt. Bei ihm gibt es aber nicht nur eine Verachtung des Lesers, sondern auch eine des eigenen Schreibens, und das habe ich so noch nirgendwo gelesen.
Houellebecq ist ein Grossschriftsteller, dem der Erfolg ohnehin recht gibt. Den Grosskritiker als Gegengewicht gibt es nicht mehr. Waren Sie je in Gefahr, sich in dieser Liga zu sehen?
Um Gottes willen, nein! Und Gott sei Dank gibt es keine Grosskritiker mehr. Die haben früher für eine bildungsbürgerliche Leserschaft geschrieben, die es heute auch nicht mehr gibt. Das Milieu ist weg, und die Instanzhaftigkeit von Kritikern ist dahin.
Wie ist das mit der Literaturkritik im Fernsehen? Kann das weg, oder braucht man das noch?
Ich glaube nicht, dass man das noch braucht. Im Fernsehen liegt der Fokus heute nurmehr auf der Unterhaltung unter dem Vorwand von Literaturkritik. Da muss ein Kritiker sich auf dem Fahrrad abstrampeln oder auf einem Pferd reiten, während er seine Kritik an einem Buch aufsagt. Der Zuschauer guckt nur, ob der Kritiker runterfällt. Solche Clownerien nützen dem öffentlichen Gespräch über Bücher überhaupt nicht.
«Das Literarische Quartett» schauen Sie sich auch nicht mehr an?
Das schaue ich schon deshalb nicht an, damit ich diese Frage, die mir ständig gestellt wird, reinen Gewissens verneinen kann.