Thursday, August 15, 2024

Stimmte Selenskyj dem Anschlagsplan auf Nord Stream anfangs zu?

Frankfurter Allgemeine Zeitung Stimmte Selenskyj dem Anschlagsplan auf Nord Stream anfangs zu? Artikel von Julian Staib • 4 Std. • 3 Minuten Lesezeit An einem Abend im Mai 2022 soll eine Gruppe ukrainischer Militärs und Wirtschaftsvertreter auf die Widerstandsfähigkeit ihres Landes gegen den russischen Aggressor angestoßen haben. Beflügelt vom Alkohol und patriotischem Eifer, sollen sie einen radikalen Plan gefasst haben: einen Anschlag auf die Nord-Stream-Pipelines, über die Deutschland – zum Ärger nicht nur der Ukraine – mit billigem russischen Gas versorgt worden war. Das berichtet das „Wall Street Journal“ unter Berufung auf Teilnehmer der Operation sowie auf ukrainische Militärs. Die Federführung für das Vorhaben hatte demnach der damalige Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, Walerij Saluschnyj. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj soll dem Plan zunächst zugestimmt haben. Nachdem jedoch der Geheimdienst CIA davon erfahren und die Ukraine aufgefordert haben soll, den Plan nicht umzusetzen, soll Selenskyj den Stopp der Operation angeordnet haben. Doch Saluschnyj befolgte demnach den Befehl nicht. Gegenüber dem ukrainischen Präsidenten soll er angegeben haben, man sei ohne Kontakt zu dem Anschlagsteam. „Ihm wurde gesagt, es sei wie ein Torpedo – wenn man ihn einmal auf den Feind abgefeuert hat, kann man ihn nicht mehr zurückziehen, er fliegt einfach weiter, bis es ‚bumm‘ macht“, sagte dem „Wall Street Journal“ ein mit dem Gespräch vertrauter ranghoher ukrainischer Offizier. Die gesamte Operation – ein „Public Private Partnership“ – kostete demnach nur rund 300.000 Dollar. Die Taucher operierten mit einer Segelyacht Über die aufsehenerregenden Anschläge und deren mögliche Urheberschaft wurde schon viel berichtet. Ganze Doku-Serien dazu gibt es, die Krimis gleichen. Neu ist nun, dass erstmals eindeutig der Führung in Kiew die Verantwortung zugewiesen wird. Selenskyj hatte Saluschnyj im Frühjahr dieses Jahres durch Olexandr Syrskyj als Oberbefehlshaber ersetzt. Saluschnyj ist nun ukrainischer Botschafter in Großbritannien. Gegenüber dem „Wall Street Journal“ gab er an, dass er nichts von einer derartigen Operation wisse und dass jede gegenteilige Behauptung eine „bloße Provokation“ sei. Ein ranghoher Beamter des ukrainischen Geheimdienstes SBU bestritt gegenüber der Zeitung eine Beteiligung der Regierung und insbesondere Selenskyjs. Selenskyjs Berater Mychajlo Podoljak wies den Bericht am Donnerstag zurück. „Eine Verwicklung der Ukraine in die Nord-Stream-Explosionen ist absoluter Unsinn“, sagte er. Es sei sehr wahrscheinlich, dass Russland für den Anschlag vom September 2022 verantwortlich sei. „So eine Tat kann nur ausgeführt werden mit großen technischen und finanziellen Ressourcen“, sagte Podoljak. „Und wer hatte all das zum Zeitpunkt des Anschlags? Nur Russland.“ Die Durchführung des Anschlags soll der Zeitung zufolge mittels Sprengstoff erfolgt sein, der von Tauchern an den Pipelines angebracht worden sein soll. Das deckt sich mit anderen Berichten über die Ermittlungen zu den Anschlägen. Die Taucher operierten demnach mit einer Segelyacht. Kürzlich war bekannt geworden, dass die Bundesanwaltschaft einen Haftbefehl gegen ein mögliches Crewmitglied erlassen hat, den ukrainischen Staatsangehörigen Wolodymyr Z. Er hat seinen Wohnsitz in Polen, soll nun aber in die Ukraine ausgereist sein. Berichten zufolge war er einer von drei Mitarbeitern einer ukrainischen Tauchschule, die Teil der fünfköpfigen Schiffsbesatzung gewesen sein sollen. Anders als nun im „Wall Street Journal“ hieß es in den Berichten aber stets, es gebe bislang keine Belege dafür, dass die Verdächtigen über offizielle Verbindungen zu militärischen oder staatlichen Kreisen in der Ukraine verfügten. Dem „Wall Street Journal“ zufolge gelang es den deutschen Ermittlern mithilfe von Telefondaten, die Reise der Crew nachzuvollziehen. Nach der Anbringung der Sprengsätze sollen es die Attentäter bei ihrer überstürzten Flucht aus Deutschland versäumt haben, die Segelyacht zu reinigen, wodurch Ermittler Sprengstoffspuren, Fingerabdrücke und DNA-Proben der Besatzung fanden. Trotz der neuen Berichte bleiben viele Ungereimtheiten. Weiterhin gibt es etwa eine mögliche Verbindung nach Russland, die in den jüngsten Berichten keine Rolle spielt. So soll eine der Besitzerinnen des Reisebüros in Warschau, über das die Segelyacht angemietet worden sein soll, einen russischen Pass besitzen und sich in Russland aufhalten. Darauf verwies am Donnerstag der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter. Es gebe ein „intensives Interesse daran, alle Spuren in die Ukraine führen zu lassen“, das sei „Teil der Desinformation“, sagte Kiesewetter im Deutschlandfunk. Bei dem Fall gebe es weiterhin ein „sehr breites Dunkelfeld“, es sei noch nicht ausgeschlossen, dass es sich um eine „False Flag Operation“ gehandelt habe – also den Versuch, der Ukraine die Schuld zuzuschieben. Kiesewetter wies darauf hin, dass die Pipelines erst zerstört worden seien, „als längst klar war, dass da nie wieder Gas drüberfließen wird“.