Tuesday, March 25, 2025

Ukraine: Die Angst vor einem bitteren Frieden

Berliner Zeitung Ukraine: Die Angst vor einem bitteren Frieden Cedric Rehman • 6 Std. • 9 Minuten Lesezeit Kommt die Ukraine nach einer möglichen Waffenruhe wieder auf die Beine? Oleksiy Schakrai vermisst sein altes Ich. Es starb am 24. Februar 2022. Der heute 25-Jährige meldete sich am ersten Tag des russischen Angriffs bei der ukrainischen Armee zum Dienst. Er arbeitete damals als DJ in den Clubs von Kiew. Die Nächte waren lang. „Ich liebte meine Freundin, hatte viele Freunde und ging viel feiern“, erzählt Schakrai. Schakrai sitzt drei Jahre später mit akkurat rasiertem Bart kerzengerade auf einem Plastikstuhl in einem privaten Veteranenzentrum. Er fixiert sein Gegenüber wie bei einem Verhör. Das Rehabilitationszentrum für verletzte Soldaten befindet sich im Kiewer Szeneviertel Podil mit vielen Technoclubs, wie dem vor dem Krieg als das neue Berghain gerühmten „Club ohne Namen“. Der ehemalige DJ scheint Lichtjahre entfernt zu sein von seiner alten, mit Glitzer geschmückten Welt. Schakrai diente zweimal in der ukrainischen Armee. Er habe es nach dem Ende seiner ersten Dienstzeit im zivilen Leben nicht ausgehalten, erzählt er. Die Freundin war weg, die alten Freunde entfremdet. Die Bausteine seines alten Lebens passten nicht mehr zusammen. Der ehemalige Soldat schraubt nach der zweiten Dienstzeit in Kiew Drohnen für die ukrainische Armee zusammen. Ein Leben ohne Krieg scheint für ihn unvorstellbar. Aber was wäre, wenn die Kämpfe auf Druck von Donald Trump bald enden, die Ukraine aber Teile ihres Landes verliert? Schakrai äußert sich widersprüchlich. Er prophezeit einen Aufstand der Veteranen und der kämpfenden Truppe, sollte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj einen Diktatfrieden akzeptieren. Das sei für ehemalige Soldaten wie ihn nicht hinnehmbar. Im nächsten Satz spricht er davon, er wolle nur fort aus der Ukraine. „Nach Neuseeland oder in anderes Land ganz weit weg “. Ist Schakrai ein wütender Krieger oder sucht er einen Ort, an dem er sich endlich sicher fühlen kann? Er scheint es selbst nicht zu wissen. Yulia Gonscharowa leitet das Zentrum „Nach dem Dienst“ in Podil. Es finanziert sich über Spenden aus dem In- und Ausland. Es ist eine von vielen Einrichtungen für entlassene Soldaten, die in den vergangenen drei Jahren in der Ukraine entstanden sind. Sie nennt keine genauen Zahlen, beschreibt aber ein zum Teil von privaten Trägern organisiertes Netzwerk. Die Regierung habe ihre Hausaufgaben gemacht. „Die Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen klappt inzwischen“, sagt Gonscharowa. Damit enden aber auch die guten Nachrichten. Anders als in den großen Städten hapere es noch auf dem Land mit Angeboten für Veteranen. Bisher gebe es nur wenige Heime für schwer verletzte Soldaten, die auf Pflege angewiesen sind. Und sollten die Kämpfe in der Ukraine tatsächlich mit einem Waffenstillstand enden, stünden auf einmal Millionen Soldaten vor einer Rückkehr ins Zivilleben. Sie erwarten im Vergleich zum Soldatenlohn deutlich schlechter bezahlte Jobs in der freien Wirtschaft. Der Durchschnittsmonatslohn in der Ukraine lag 2024 laut Regierungsangaben bei rund 430 Euro. Ein Soldat erhält im Monat rund 2200 Euro. Enttäuschung scheint vorprogrammiert. Laut Angaben des ukrainischen Ministeriums für Veteranenangelegenheiten gibt es derzeit 1,2 Millionen ehemalige Kriegsteilnehmer. Angehörige von Soldaten mitgerechnet, könnte die Zahl der Betroffenen auf bis zu sechs Millionen steigen, erklärt das Ministerium. Das wären rund 15 Prozent der durch Massenflucht auf knapp 38 Millionen geschrumpften Bevölkerungsanzahl der Ukraine. Präsident Selenskyj sprach im Februar 2025 von 380.000 Soldaten, die im Dienst Verletzungen erlitten hätten. Männer mit Prothesen oder ohne Beine im Rollstuhl fallen im Stadtbild von Kiew auf. Barrierefreiheit steht weit oben auf der Liste der Wünsche für den Wiederaufbau zerstörter Gebäude. Laut Experten leidet jeder dritte Soldat an einer Post-traumatischen Belastungsstörung (PTSD). Es handelt sich um eine heimtückische Erkrankung der Psyche. Alltägliche Reize wie das Knallen einer Haustür genügen, um Betroffene wieder in furchtbare Erlebnisse zu versetzen. Fast jeder Soldat leide außerdem unter unerträglichen Kopfschmerzen, sagt Gonscharowa. Gehirnerschütterungen gehörten zum Soldatenalltag. Das Trommelfeuer der Geschütze brennt sich fest. Wer täglich den Tod vor Augen hatte, könne unmöglich von einem Tag auf den anderen wieder in der zivilen Gesellschaft funktionieren. Eine Welle rollte auf Wirtschaft und Gesellschaft zu. „Wir haben viel getan, wir bereiten uns vor, aber es ist nicht genug“, sagt die Leiterin des Veteranenzentrums. Derzeit ist unklar, welche Zugeständnisse Donald Trump der Ukraine für einen Waffenstillstand abringen wird oder ob er überhaupt zustande kommt. Oleksiy Schakrai wittert schon mal den Verrat seiner Landsleute. „95 Prozent wollen, dass der Krieg irgendwie endet“, sagt er. Der ehemalige Soldat klingt verbittert. Unter seinen Kameraden gebe es ein böses Wort für Zivilisten, die ihr Leben vor dem 24. Februar 2022 um jeden Preis zurückhaben wollten. „Kakaya Raznitsa“ – Leute, denen alles egal ist. Und Schakrai möchte mit ihnen künftig so wenig wie möglich zu tun haben. „Der Bruch zwischen uns und ihnen ist zu tief“, sagt er. Der Rechtsanwalt Dmytro Nazarets könnte sich vorstellen, dass ehemalige Soldaten wie Oleksiy Schakrai ihn zu den Kakaya Raznitsa zählen. Der 52-Jährige hat zwischen Mandantenbesuchen Zeit, seine Geschichte bei einer Tasse Schwarztee in einem Restaurant zu erzählen. Nazarets verdient als Anwalt gut und konnte nach Kriegsbeginn seine Frau und seine inzwischen 15-jährige Tochter in die Schweiz schicken. Er zählt sich bei Debatten in sozialen Medien zum, wie er es nennt, „realistischen Lager“. Den Krieg um jeden Preis fortzusetzen, während die Welt sich in eine für die Ukraine immer ungünstigere Lage entwickelt, ergibt für ihn keinen Sinn. „Manche wollen die Ukraine bis zum letzten Mann verteidigen, und ich frage mich, was kommt danach?“ Ihn besorgt der Tonfall bei den aufgeheizten Diskussionen. Die virtuelle Wut schwappe in das reelle Leben. Freundschaften endeten, Familien entzweiten sich. „Ich frage mich, wie die Frontheimkehrer einmal mit Leuten wie mir umgehen werden“, sagt er. Dabei hat der Krieg genug von ihm gefordert. Seine Ehe hat die Distanz zwischen der Ukraine und der Schweiz nicht überlebt. „Wir haben uns heimlich scheiden lassen und unserer Tochter nichts davon erzählt“, sagt er. Er höre von auf Familienrecht spezialisierten Kollegen, wie dramatisch die Zahl der Scheidungen in der Ukraine zunehme. Laut offiziellen Angaben zerbricht jede fünfte Ehe. Aber im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Scheidungen um 50 Prozent an. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Eheschließungen und die Geburtenrate. Sie liegt nur noch bei einem Kind pro Frau. In der Nähe zur Front im Osten ist sie nahezu auf null gesunken. Der Trend ist nicht erstaunlich. Laut Angaben der UN sind sechs Millionen Ukrainer ins Ausland geflohen. 90 Prozent der Geflüchteten sind Frauen. Zwar dienen auch Frauen in der ukrainischen Armee. Überwiegend sind es aber Männer. Eine ganze Generation junger Männer kämpft und stirbt an der Front. Aufgrund des Personalengpasses der Armee bleiben Rotationen aus. Der einzige Kontakt zwischen Verheirateten besteht über Monate oft nur aus Handygesprächen und WhatsApp-Nachrichten. Frauen füllen hinter der Front Lücken in klassischen Männerberufen oder sie bauen sich ein völlig neues Leben im Ausland auf. Ihre Ehen und Beziehungen bleiben auf der Strecke. Der Rechtsanwalt Nazarets ermöglicht seiner Tochter eine private Schulausbildung. Er will, dass sie im Ausland studiert, einen Job findet und eine neue Heimat, die ihr Sicherheit bietet. Seine eigene Zukunft sieht er düster. „Früher dachte ich, wenn ich mal in Rente bin, ziehe ich mit meiner Frau ans Meer“, sagt er. Inzwischen habe er Zweifel, ob das Kriegsrecht in seinem Land jemals aufgehoben wird und Männer wieder das Land verlassen dürfen. Ein aussterbendes Land voller Soldaten und einsamer, alter Männer, so sehe die Ukraine in einigen Jahren aus. Nach offiziellen Schätzungen könnte die Bevölkerung bis 2040 auf 35 Millionen schrumpfen und zu den im Durchschnitt ältesten in Europa gehören. 20 Prozent des ukrainischen Territoriums sind derzeit in russischer Hand. Inzwischen ist von einer demografischen Katastrophe die Rede. Den Russen ist es zwar nicht gelungen, die Ukraine zu besiegen, sie könnten dem Nachbarn mit ihrem Angriff aber einen tödlichen Schlag versetzt haben, von dem sich die Ukraine als Nation nur schwer erholen wird. Für den Wirtschaftsanalysten Hlib Vyshlinsky von der Denkfabrik „Center of Economic Studies“ in Kiew hängt die Zukunft von den Sicherheitsgarantien ab, um die Präsident Selenskyj verzweifelt ringt. Donald Trump lehnt eine Nato-Mitgliedschaft der Ukraine oder eine militärische Verpflichtung der USA gegenüber der Ukraine bisher ab. Europäische Verbündete haben Garantien ausgesprochen. Sie seien aber nicht von gleichem Wert wie der Beistandsartikel der Nato. „Möglichst viele Flüchtlinge müssen sich sicher genug fühlen, um an eine Rückkehr zu denken und Investoren auch“, sagt der Wirtschaftsexperte. Die Anreize für Ukrainer, in das in Teilen zerstörte Land zurückzukehren und höhere Lohne und Lebensstandards in Europa gegen die niedrigeren in der Ukraine zu tauschen, sind überschaubar. Damit fehlen dem Wiederaufbau die Fachkräfte. Das Land verfüge über fruchtbare Böden, Rohstoffe wie die begehrten Seltenen Erden und Expertise im IT-Sektor, erklärt Vyshlinsky. Nur bei einem Frieden, der Russlands Ambitionen einhegt, könne die Ukraine mit diesen Pfründen pokern, sagt er. Nur sieht es danach im Moment nicht aus. Bunte Wimpel wehen auf dem Messegelände VDNG in Kiew. Lautsprecher beschallen die Besucher mit sphärischen Klängen. Die akustischen und visuellen Beruhigungspillen scheinen zu wirken. Die Menschen sitzen Sonnenbrillen tragend auf den Bänken und genießen die Frühlingssonne. Der Psychotherapeut Nariman Darischow erholt sich an Wochenenden gerne bei Spaziergängen auf dem VDNG-Areal oder im angrenzenden Stadtwald. Manchmal habe er bei seinen Touren das Gefühl, er könne gar nicht weit genug laufen. Ein Gefühl von Entspannung will sich nicht einstellten. Der Psychologe erhält bei seiner Arbeit einen Einblick in die Tiefe der Wunden, die der Krieg in die Seelen gerissen hat. Dabei behandelt er keine Soldaten, die gerade den Höllenlöchern an der Front entkommen sind, sondern Großstädter. Der Krieg sei der Elefant im Raum bei vielen Sitzungen, schildert er. „Ich habe Kollegen, die der Meinung sind, alle Ukrainer sollten Antidepressiva nehmen“, sagt der Psychologe. Die Erschöpfung nach drei Jahren Krieg und ungezählten Nächten mit Luftalarm reiche bis ins Mark. Die Momente, an denen Glück im Alltag spürbar ist, etwa auf einer Parkbank in der Frühlingssonne, würden angesichts der Flut an schlechten Nachrichten immer seltener. Und niemand sei gefeit gegen das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Leben verloren zu haben. Die Äußerungen Donald Trumps und die zeitweise Einstellung der US-Militärhilfe steigerten die Hilflosigkeit. Andere ziehen an den Strippen, die über jedes einzelne Leben in der Ukraine entscheiden, daran lässt der US-Präsident keinen Zweifel. Angesichts solcher Erfahrungen falle es schwer, Zuversicht zu fassen. „Wir leben wie in einer Zwischenwelt. Und die Erwartung ist eher, dass uns die nächste Katastrophe bevorsteht“, sagt Darischow. Therapeuten wie er versuchen es mit dem Ansatz der psychologischen Akzeptanz. Wenn sich Umstände nicht ändern lassen, sollen eigene Ressourcen bei der Bewältigung helfen. Zu Beginn des Krieges habe die ukrainische Gesellschaft die Empfehlungen der Psychologen intuitiv verinnerlicht. Es gab einen Boom der Nachbarschaftshilfe und der Bürgerinitiativen. Die Zivilgesellschaft blühte auf. Sie half Kriegsopfern und unterstützte die Armee. Inzwischen breite sich Apathie aus. Wie bei einer Maus, die rennt und doch nicht den Weg aus dem Labyrinth findet. Ein Risiko bestünde, dass Depression in Aggression umschlage. Dem Zorn enttäuschter Veteranen könne nur viel Verständnis der Gesellschaft den Wind aus den Segeln nehmen. „Wir sollten uns auf das konzentrieren, was wir gut gemacht haben, unsere Solidarität und unsere Güte. Daraus können wir etwas entwickeln“, sagt der Psychologe. Lesia Slabospytskyi bewahrt die Erinnerungen an ihren Mann Viacheslav in ihrer Wohnung in Kiew in einer Holzkiste auf. Er fiel im Sommer 2023 an der Front, einen Monat vor seinem 50. Geburtstag. Die Witwe kramt ein Fotoalbum hervor und streichelt zärtlich über die folierten Seiten. Die Fotos zeigen ihren Mann als begeisterten Heimwerker. Auf manchen Fotos feixt ihr Ehemann in Richtung Kamera. „Er hatte immer einen Witz auf den Lippen“, erzählt die Witwe. Mit der Nachricht vom Tod ihres Mannes an der Front sei ihr Leben mit einem Schlag zusammengebrochen. „Ich hätte es wohl eher ertragen, wenn mein Mann an einer Krankheit gestorben wäre. Aber er wurde uns einfach genommen“, sagt sie. Slabospytsky hilft inzwischen anderen Kriegswitwen in Kiew. Sie hat sich dem Verein „Living Hope“ angeschlossen. Die Helfer von „Living Hope“ hätten sie mit Therapie aufgefangen, als es ihr psychisch schlecht ging, erzählt sie. „Sie waren im richtigen Moment für mich da. Ich hatte schon aufgehört, irgendetwas zu fühlen. Alles hat nur noch weh getan“, sagt sie. Wie sehr grämt es sie, dass die Ukraine für einen Waffenstillstand aller Voraussicht nach auf Territorien verzichten muss? Ihr Mann meldete sich freiwillig zur Armee, um gegen die Invasion zu kämpfen. War sein Einsatz umsonst? „Ich will, dass dieser Krieg aufhört“, sagt die Witwe. Auch wenn die Verluste schmerzten. Ihre vierjährige Tochter bete jede Nacht vor dem Einschlafen, dass der Krieg zu Ende gehe und nicht noch weitere Kinder ihre Väter verlören, erzählt die Mutter. Und was erwartet sie von einem vielleicht bitteren Frieden? „Ich glaube, der Krieg hat gezeigt, dass wir Ukrainer uns von nichts unterkriegen lassen. Vor allem wir Frauen.“