Thursday, June 24, 2021
Goretzka bereitet Deutschland gegen England Achtelfinale vor - Ungarn droht Schock
Nick Ames in der Fußball-Arena München
Wed 23 Jun 2021 22.10 BST
Auf der einen Seite mag Gareth Southgate zufrieden sein, auf der anderen Seite könnte er erheblichen Grund zur Sorge erkennen. Sicherlich wird Deutschland besser sein, wenn es am Dienstag im Wembley-Stadion gegen England antritt - ein Ergebnis, das für die meiste Zeit einer chaotischen Nacht jenseits von ihnen zu liegen schien, und wenn nicht, dann werden die Geister der Euro 96 wahrscheinlich endlich verbannt. Sie waren sechs Minuten davon entfernt, die Gruppe F als Letzter abzuschließen, und dieses Ergebnis war ein Affront gegen eine verbissene, clevere ungarische Mannschaft, die kurz davor stand, einen Schock für die Ewigkeit zu landen.
Die Ungarn hätten in London die Jahre, wenn auch ein paar Jahrzehnte weiter, zurückdrehen können, wenn der eingewechselte Leon Goretzka nicht aus 16 Metern flach an Peter Gulacsi vorbei zum Ausgleich gehämmert und damit die Herzen der Ungarn gebrochen hätte.
Deutschland hatte alle Mann, auch einen halbwegs fitten Thomas Müller, in eine immer aussichtslosere Situation geworfen, konnte sich ausgerechnet in Budapest nur noch auf sich selbst verlassen, um die Schmach abzuwenden, und am Ende war die Qualität der Mannschaft entscheidend.
Deutschland 2:2 Ungarn: Euro 2020 - wie es geschah
Nichtsdestotrotz könnten ihre Befürworter so schnell abtreten, wie sie aufgetaucht sind. Deutschland war am Samstag gegen Portugal unwiderstehlich, aber hier, gegen einen Gegner, der nichts verschenken wollte, hatte man die meiste Zeit des Abends zu kämpfen. Die beiden ungarischen Tore, die zwar gut herausgespielt waren, lassen hoffen, dass Englands schussscheuer Angriff nicht verhungert.
Das erste Tor fiel, nachdem Deutschland gut begonnen hatte, als Joshua Kimmich Gulacsi zu einer Glanzparade zwang. Angesichts der Möglichkeiten, die ein Sieg mit sich bringen würde, wollte sich Ungarn aber nicht völlig aus der Affäre ziehen und schlug mit seinem zweiten nennenswerten Angriff zu. Deutschland hätte das Tor eigentlich verhindern müssen, doch Toni Kroos hatte der Flanke von Roland Sallai von der rechten Seite nichts entgegenzusetzen. Adam Szalai, der wuchtige Mittelstürmer, der wegen einer Verletzung nicht zur Verfügung stand, stürzte sich auf den Ball und köpfte ihn an Manuel Neuer vorbei ins Tor.
Die größtenteils schwarz gekleideten Fans hinter Neuers Tor waren aus dem Häuschen. Die Sprödigkeit, die sich hinter vielen deutschen Leistungen verbirgt, war wieder da, und so war man nun auch in der Tabelle vorne mit dabei.
Mats Hummels, der nach einem Fehlpass von Szalai nicht ganz unschuldig war, hätte fast gesühnt, traf aber nach einer Ecke nur die Latte. Von da an verlief die erste Halbzeit inmitten eines biblischen Sturms genau so, wie Ungarn es sich gewünscht hätte. Deutschland vermisste seinen Verkehrsdirektor Müller, der nur auf der Bank Platz nehmen konnte, es fehlte an Präsenz, Schwung und Mut, und das musste sich ändern.
Das geschah dann auch, allerdings erst nach einem schwachen Start in die zweite Halbzeit, in der Müller einige Aufwärmsprints an der Seitenlinie absolvierte. Der exzellente Sallai traf mit einem Freistoß den Außenpfosten von Neuers Tor, doch dann, als Müller zum Rettungsversuch ansetzte, schien Kai Havertz den Schuss unnötig zu machen.
Das Tor war ein Desaster für den sonst so guten Gulacsi, der nach einem Kroos-Freistoß den Ball nicht richtig traf. Hummels konnte einen Kopfball Richtung Tor lenken und Havertz nickte aus zwei Metern ein. Müller kam trotzdem, und die Gewitterwolken schienen sich wieder über den Alpen zu verziehen.
Doch innerhalb von Sekunden kehrten sie mit einer überraschenden Wendung zurück. Ungarn griff nach dem Wiederanpfiff an, und Szalai spielte einen klugen Ball auf den durchstartenden Andras Schafer. Der Mittelfeldspieler war als Erster am Ball und köpfte ins leere Tor. Es war eine weitere Horrorvorstellung der deutschen Abwehrreihe.
Ungarns Spieler stapelten sich übereinander. Die Ungarn hielten relativ gut mit, obwohl Joachim Löw auch Timo Werner und Jamal Musiala ins Spiel brachte, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Leroy Sané, der Müller in der Startelf ersetzt hatte, mühte sich den ganzen Abend, trug aber nur wenig bei, außer einem komischen absichtlichen Handspiel, das eine ungarische Chance verhinderte. Es war ein verzweifeltes, unförmiges Spiel, doch dann schlug Goretzka, der den angeschlagenen Ilkay Gündogan ersetzt hatte, mit viel Gefühl zu und die Bemühungen der Gäste wurden zu Nichte gemacht.
Am Ende fühlte sich eine außergewöhnliche Episode vor dem Anpfiff wie eine Ewigkeit an. Die Uefa mag sich vor diesem Spiel hinter Worthülsen über Politik versteckt haben, anstatt sich einer zeitgemäßen Unterstützungsbekundung für die LGBT+-Gemeinschaft zu stellen, aber es waren viele Regenbogenfahnen in der Menge zu sehen, auch wenn die Fassade des Stadions nicht dazu passen durfte. Dann, als die ungarische Nationalhymne gespielt wurde, gab es noch eine weitere: Ein Zuschauer rannte über das Spielfeld und hatte gerade genug Zeit, das Banner vor den Gastspielern in die Höhe zu halten, bevor das Sicherheitspersonal eingriff.