Saturday, May 28, 2022
Ukraine: Der lange Kampf um den Donbass
ZEIT ONLINE
Ukraine: Der lange Kampf um den Donbass
Hauke Friederichs - Gestern um 18:25
In der Ostukraine geraten die Verteidiger in Bedrängnis, auch wenn die Invasoren nur langsam vorrücken. Neue Waffen beeinflussen den Kampf, aber er bleibt verlustreich.
Auf den Karten des Institute for the Study of War (ISW) genügt schon ein rascher Blick, um zu sehen, wo in der Ukraine in den vergangenen 24 Stunden gekämpft wurde: Heftige Gefechte gab es demnach erneut im Donbass im Osten des Landes. Das US-amerikanische Institut trägt täglich die relevantesten Informationen zum Kriegsverlauf zusammen. Und selten erschien die Lage für die Ukraine so bedrohlich wie in diesen Tagen. Am 24. Mai nahmen russische Soldaten und jene der angeblichen Switlodarsk ein, am Tag darauf Lyman, beide Orte liegen in der Oblast Donezk. Und nun rücken sie auf Isjum vor, haben Sjewjerodonezk eingeschlossen.
Am 93. Tag dieses Krieges sieht es also danach aus, als könnte Russland nach der Einnahme von Mariupol und dem Gewinn der Landbrücke zwischen Krim und Donbass bald weitere Erfolge vermelden. Im Donbass haben die Invasoren weitere Teile von Luhansk erobert. Mehr als 95 Prozent der Oblast stünden unter russischer Kontrolle, heißt es beim ISW. Und sollten den russischen Soldaten weitere Geländegewinne gelingen, dann dürften sie in wenigen Tagen auch die belagerte Stadt Sjewjerodonezk einnehmen, die sie dann von allen Seiten angreifen können.
Noch aber halten die ukrainischen Einheiten dagegen. "Russische Streitkräfte haben kontinuierliche, schrittweise Zugewinne bei den heftigen Kämpfen im Osten der Ukraine in den vergangenen Tagen gemacht", stellen die Experten des ISW in ihrem täglichen Lagebericht fest – "dennoch bleibt die ukrainische Verteidigung überall effektiv." Ähnlich klingt es beim US-Verteidigungsministerium. "Wir stellen fest, dass Russland einige schrittweise Gewinne gemacht hat bei seinen Vorstößen nach Slowjansk und Kramatorsk; nicht viel, aber einige schrittweise Erfolge", sagte ein Vertreter des Ministeriums in einem Briefing. Es gebe keine großen Durchbrüche, die Ukrainerinnen und Ukrainer verteidigten weiterhin ihre Stellungen.
Nicht mehr die große Zange
Seit vergangener Woche geht die russische Armee nach einer neuen Strategie vor. Sie versucht nicht mehr, mit großen Zangenbewegungen den Gegner in der gesamten Donbass-Region einzukesseln. Die Einheiten gehen nun punktuell vor, attackieren einzelne Ortschaften und ukrainische Stellungen. "Russland nutzt, wie vorausgesagt, seine Artillerie und versucht damit, Frontlinien zu öffnen", stellt Mark Hertling, ein ehemaliger General der US-Streitkräfte, auf Twitter fest. Die Angreifer errichteten Brückenköpfe und Logistikstützpunkte für die eigenen Truppen, um so weitere Ziele angreifen zu können.
Die russischen Truppen scheinen dabei ihren Fokus verkleinert zu haben, sich vor allem auf die Oblaste Donezk und Luhansk zu konzentrieren. Die dort 2014 von angeblichen Separatisten errichteten "Volksrepubliken" hat Wladimir Putin kurz vor dem Einmarsch anerkannt, inklusive ihres Anspruchs auf die gesamten Oblasten, nicht nur das bereits zu Kriegsbeginn besetzte Gebiet. Diesem Territorium gelten nun offenbar die Offensiven der russischen Kräfte, um Putins Ziel einer "Befreiung" des Donbass zu verwirklichen.
Die russische Regierung hat dementsprechend eine neue Phase des Kriegs verkündet, als ihre Streitkräfte den Angriff auf Kiew abbrechen mussten. Und tatsächlich hat der Generalstab mittlerweile erheblich Truppen in den Osten verlagert. Aus dem Norden, dem Zentrum und mittlerweile auch aus dem Süden drängen russische Einheiten in den Donbass vor – zwar recht langsam, aber konstant. Bedeutende Städte wie Sjewjerodonezk und Lyssytschansk hat die russische Armee bereits fast vollständig umzingelt, dabei zuletzt laut dem britischen Verteidigungsministerium mehrere Dörfer nordwestlich von Popasna in der Oblast Luhansk eingenommen. Beide Städte werden mit Artillerie beschossen und nach ukrainischen Angaben auch von Kampfflugzeugen attackiert.
"Halten können sie das auf Dauer nicht"
Die Möglichkeiten der Verteidigerinnen und Verteidiger bewertet der frühere General Hans-Lothar Domröse als schwierig. "Sie können stechen, hier und dort verzögern, so nennen wir das. Sie müssen Raum aufgeben, um sich selbst herauszuziehen und in Sicherheit zu bringen", sagte der hochrangige Offizier der Bundeswehr dem MDR. "Halten können sie das auf Dauer nicht, ich denke, wenige Tage oder Wochen maximal. Sie werden zurückgehen, um die Soldaten überleben zu lassen."
Die ukrainische Armee steht also enorm unter Druck. "Die Lage bleibt schwierig und es gibt Anzeichen für eine weitere Verschärfung", sagte auch die stellvertretende ukrainische Verteidigungsministerin Ganna Malyar bei einer Pressekonferenz. "Wir müssen begreifen, dass das ein Krieg ist und dass, leider, Verluste auf unserer Seite unvermeidlich sind."
Wochenlang kamen aus der Ukraine viele Erfolgsmeldungen der Verteidigungsarmee. Zwar gelang es den russischen Truppen schließlich, Mariupol einzunehmen, die Hafenstadt am Asowschen Meer, um die erbittert gekämpft worden war. Aber im Donbass stockte die Invasion: Die Front verläuft dort auf fast 500 Kilometern; zunächst kamen die russischen Angreifer fast nirgendwo entscheidend voran.
Die ukrainische Seite berichtete von starken Verlusten des Gegners. Eine ukrainische Einheit kämpfte sich bis zur Grenze vor und errichtete dort medienwirksam einen blau-gelben Pfahl. An einem Flussübergang wurden zudem zahlreiche russische Panzer zerstört. Aber seit einigen Tagen sind die Erfolgsmeldungen ernsteren Tönen gewichen. Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach am Ende vergangener Woche bereits von 50 bis 100 Soldaten, die sein Land jeden Tag im Donbass verliere. Auch die russischen Streitkräfte verzeichnen dort hohe Verluste, sie haben mit Truppenverlegungen dennoch eine deutliche Überlegenheit in einzelnen Regionen erlangt.
"Der Kampf hat seine maximale Intensität erreicht", sagte die Vizeverteidigungsministerin Malyar. "Die feindlichen Truppen stürmen die Positionen unserer Truppen gleichzeitig aus mehreren Richtungen." Den ukrainischen Soldaten stehe "eine extrem schwierige und lange Kampfphase" bevor. Auch Präsident Selenskyj klingt mittlerweile wenig optimistisch. Er sprach vom Donbass als einer Hölle. "Die laufende Offensive der Besatzer im Donbass könnte die Region menschenleer machen", sagte er am Donnerstagabend in seiner täglichen Videoansprache. Die russischen Angreifer zerstörten Städte, töteten oder verschleppten Menschen im Osten der Ukraine, verfolgten eine "offensichtliche Politik des Völkermords". Abermals forderte Selenskyj den Westen auf, mehr schwere Waffen zu liefern.
Alte Panzer aus dem Depot
Im Donbass setzen die ukrainischen Streitkräfte bereits aus den USA und Europa stammende Waffensysteme ein. So zeigen Fotos auf Twitter, wie Soldaten aus Italien gelieferte schwere Geschütze abfeuern. Auch Haubitzen aus den USA hat die Ukraine dort bereits im Einsatz. Gut 420 Soldaten der Verbündeten haben die US-Streitkräfte schon an der M777 ausgebildet. Und dazu nicht nur inzwischen 85 Geschütze übergeben, sondern auch gut 190.000 Schuss Munition geliefert.
Auf russischer Seite sollen nun T-62-Panzer zum Einsatz kommen. Mit den mehr als 50 Jahre alten Fahrzeugen aus den Depots sollen die Verluste an moderneren Panzern ausgeglichen werden, berichtet das britische Verteidigungsministerium in seinem regelmäßigen Update zur Kriegslage. Der T-62 ist noch anfälliger für Abwehrraketen als der T-72, den die russischen Streitkräfte bislang in großer Zahl eingesetzt haben.
Moderne westliche Waffen würden der Ukraine gerade vor diesem Hintergrund einen Vorteil verschaffen. Die Chancen, die russischen Kräfte auf lange Sicht von weiteren Geländegewinnen abzuhalten, wären weitaus größer. Laut dem US-Sender CNN erwägen die USA nun die Lieferung von Mehrfach-Raketenwerfern – das könne ein Gamechanger sein, sagte Jason Crow, der für die Demokraten im Repräsentantenhaus sitzt und das Vorhaben unterstützt.
Aber auch weitere Lieferungen aus dem Westen würden nicht verhindern, dass die Ukraine zunächst einmal in der Defensive bleiben werde, meint General Domröse. Punktuell könnte sie durch die Unterstützung der Nato-Staaten Gebiete zurückerobern, trotzdem würde der Krieg so noch viele Monate dauern. Im Donbass jedoch scheint Russland Fakten zu schaffen, zumindest in den Oblasten Luhansk und Donezk, die wohl dauerhaft zum Imperium Wladimir Putins gehören sollen.