Friday, May 27, 2022
Der russische Zangenangriff um Sewerodonezk wird enger und enger
Neue Zürcher Zeitung Deutschland
Der russische Zangenangriff um Sewerodonezk wird enger und enger
Georg Häsler, Bern - Vor 1 Std.
Ein russischer Kanonier erklärt den Auftrag seiner Geschützmannschaft: «Wir hämmern gegen die Truppen, die Waffen und die Befestigungen des Gegners.» Er spricht in einem Video, welches das russische Verteidigungsministerium am Freitag hochgeladen hat. Es zeigt den Einsatz von Panzerhaubitzen des Typs «Malka» in der Ukraine. Die Urversion dieses Geschützes mit einem Kaliber von 20,3 Zentimetern stammt noch aus dem Kalten Krieg. Die neueste Weiterentwicklung der «Malka» kann gemäss russischen Angaben rund 50 Kilometer weit feuern.
Ein russisches Propagandavideo zeigt den Einsatz der Panzerhaubitze des Typs «Malka». Ein Indiz dafür, dass der Kreml im Donbass auf die Taktik der «Feuerwalze» setzt.
Die Propaganda des Kremls wirbt nicht zufällig mit der Feuerkraft der eigenen Artillerie. Die zur Verfügung stehenden Nachrichten über die Kämpfe im Donbass lassen darauf schliessen, dass die russischen Truppen auf die psychologische Wirkung der «Feuerwalze» setzen: ein brutales, aber bewährtes Vorgehen der Roten Armee: «Es handelt sich dabei um einen kontinuierlichen Feuervorhang, der sukzessive von einer Phasenlinie zur anderen vor die Angriffstruppen verlagert wird», beschreibt ein Handbuch der US-Army über die sowjetische Kriegsführung die Taktik der Feuerwalze.
Feuer und Bewegung
Diese Einsatzform der Artillerie im Angriff entstand im Ersten Weltkrieg. Die französische und die deutsche Führung wollten damit Bewegung in die erstarrte Westfront bringen. Die Rote Armee verwendete die «Feuerwalze» im Zweiten Weltkrieg, um die Wehrmacht Kilometer für Kilometer nach Westen zurückzudrängen. Die nachrückenden Truppen mussten sich dabei gefährlich nahe am Artilleriefeuer bewegen, um möglichst rasch nachrücken zu können.
Bereits in sowjetischer Zeit wurde die «Feuerwalze» nicht mehr in ihrer brachialsten Form praktiziert. Die «sukzessive Feuerkonzentration» fokussiert sich auf konkrete Ziele, statt praktisch ohne Beobachtung möglichst viel Feuer auf die nächste Phasenlinie des Angriffs zu legen. Trotzdem funktioniert das Prinzip noch immer gleich: Der Gegner wird so lange beschossen, bis ein Vorstoss mit der Infanterie oder mit Panzern möglich ist: Feuer und Bewegung, langsam, aber sicher.
In einer ähnlichen Weise scheinen die russischen Truppen im Donbass vorzugehen: Vor einer Woche gewannen sie den Hügel von Popasno im südlichen Frontabschnitt, am Freitag wurde der Fall von Liman etwas nordöstlich gemeldet. Die Zange um die ostukrainische Stadt Sewerodonezk beginnt sich sukzessiv zu schliessen. Mindestens drei ukrainische Brigaden könnten eingeschlossen werden. Gleichzeitig beschiesst die russische Armee die Nachschublinien der Verteidiger in der Tiefe des Raumes, etwa auf dem Knotenpunkt von Bachmut.
Wettlauf mit der Zeit
Der Stillstand des Kriegs in der Ukraine scheint vorbei zu sein. Die Angreifer haben mit ihrem Taktikwechsel die Initiative zurückerlangt. Eine mögliche Erklärung liefert der preussische Strategiephilosoph Carl von Clausewitz: «Wir sehen, dass der Begriff des Gleichgewichts den Stillstand nicht erklären kann, sondern dass es doch wieder auf das Abwarten eines günstigeren Augenblicks hinausläuft.»
Obschon die russische Armee ihre Offensive mit einem viel zu schwachen Kräfteansatz startete, will sie die drohende Blamage nun mit Rücksichtslosigkeit wettmachen. Für Kiew bleibt es ein Wettlauf der Zeit, mit hinreichend Offensivwaffen das Heft wieder in die Hand zu nehmen. Die abwartende Haltung der westeuropäischen Regierungen verheisst allerdings nichts Gutes – und könnte der Taktik der Feuerwalze schliesslich zum Erfolg verhelfen.