Saturday, March 26, 2022

Dieser Text wäre in Russland verboten: Unzensierte Kriegsgedanken einer Russin

Dieser Text wäre in Russland verboten: Unzensierte Kriegsgedanken einer Russin Berliner Zeitung Oxana Timofeeva - Vor 13 Std. Die Philosophin und Publizistin Oxana Timofeeva ist Gründungsmitglied des Petersburger Künstlerkollektivs „Chto Delat?“ (Deutsch: „Was tun?“). Bereits 2014 protestierte das Kollektiv gegen die russische Besatzung der Krim. Der folgende Text erschien vor wenigen Wochen in der gleichnamigen Zeitschrift des Kollektivs. In Putins Militärdiktatur kann diese inzwischen nicht mehr gedruckt werden. Die „Canary Archives Notfall Ausgabe“ von Chto Delat erschien im Rahmen des Projekts „The Whole Life. Archives & Imaginaries“ des Hauses der Kulturen der Welt (HKW) digital und in englischer Sprache. Am Samstag, dem 26. März, wird Timofeeva auf dem von ihr organisierten Podium Burning the Archives of the Earth im HKW über Geopolitik und Militärgeschichte im Licht des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine sprechen. Am 24. Februar bin ich früher als sonst aufgestanden; eigentlich war ich noch gar nicht richtig wach. Ich hatte ein Ticket für den Frühzug von Sankt Petersburg nach Moskau. Im Taxi zum Bahnhof las ich die Nachrichten: Russland hat die Ukraine überfallen. In meinem Hals bildete sich ein Kloß. Auf den Bildschirmen im Zug liefen patriotische sowjetische Filme über den zweiten Weltkrieg. Sie handelten von mutigen jungen Soldaten und von den Mädchen, die sie lieben. Diese Filme kennen wir seit unserer Kindheit. Und dank des sowjetischen Geschichtsunterrichts ist uns präsent, was ablief, als Hitler die UdSSR angegriffen hat, und wie diese Soldaten und ihre Mädchen, unsere Großväter und Großmütter, unsere Heimat gegen die Faschisten verteidigten. Dieser Alptraum wiederholte sich hier, nur war alles genau umgekehrt: Diesmal ist es unsere Armee und nicht eine fremde Armee, die in das Gebiet des anderen Staates einfällt, so wie seinerzeit Hitler – früh am Morgen, ohne Kriegserklärung. Ich wollte mich kneifen, rieb mir die Augen. Vielleicht war ich ja doch noch nicht richtig wach, und diese neue Realität nur die Fortsetzung eines Traums? Es kommt vor, dass man bewusst träumt, und plötzlich verstehst du im Traum, dass du schläfst, das heißt, dass du zwar wach wirst, aber nicht in der Realität, sondern in einer Art Zwischenraum, einem Limbus zwischen Realität und Traum. Diese Vorhölle hat die Struktur eines Labyrinths, das in die Tiefe führt. Je öfter ich im Traum wach werde, desto tiefer stürze ich in Wirklichkeit in diesen Traum. Seine Welt ist wie ein Sumpf, der mich immer weiter hinabzieht. Der Traum im Traum, dieser endlose schwindelerregende Sturz, offenbart die Tiefe und Bodenlosigkeit des Unbewussten. Ich steige hinab in die Tiefe meines Selbst, als wäre es ein Schacht in einem Kohlebergwerk, in dem die Erinnerungen an das, was bereits geschehen, und das Vorgefühl dessen, was noch nicht geschehen ist, komprimiert sind – zu einer Substanz amalgamiert. Am Morgen des 24. Februars sind viele von uns in diesem Alptraum aufgewacht, es war, als teilten wir alle ein einziges Unbewusstsein. Alle sind wir in diesem bösen Traum gefangen. Und jeder Versuch auszubrechen, führt uns noch tiefer in das Labyrinth. Ich lebe in Sankt Petersburg. An der Fassade des Hauses, in dem ich wohne, ist eine große LED-Werbetafel. Darauf läuft normalerweise Reklame. Aber diesmal zeigte der Bildschirm ein riesiges Halb-Hakenkreuz: den Buchstaben „Z“, das Zeichen, welches die Pro-Kriegs-Haltung zum Ausdruck bringt. Diese Halb-Hakenkreuze sind bereits auf sehr vielen Häuserwänden, auf vielen Autos und auf den Helmen der russischen Nationalgardisten, die Personen festnehmen, die mit Plakaten für den Frieden auf die Straße gehen. Das Wort „Frieden“ darf man hier nicht mehr aussprechen, ebenso wenig das Wort „Krieg“. Man darf die Dinge nicht beim Namen nennen. Die Sprache ist der Logik der Negation untergeordnet, die Freud beschrieb, als er den Bericht eines Patienten analysierte, der ihm erzählte, die Frau, die er im Traum gesehen habe, sei nicht seine Mutter. Die Verneinung ist ein Verfahren, mithilfe dessen die Wahrheit sich durch den Rettungskordon der Zensur Bahn bricht – zum Bewusstsein. Nicht jede Wahrheit, sondern die, die wir lieber nicht kennen wollen; weil sie unerträglich ist oder schlicht nicht mit einem friedlichen und geruhsamen Leben vereinbar. So wie die Wahrheit über den Krieg, die man bereits seit 2014 negierte, als russische Soldaten sich angeblich zufällig auf das Gebiet der Ukraine verirrt hatten. Der Krieg war damals bereits im Gange, allerdings war er geheim und nicht erklärt worden. Was am 24. Februar geschah, war der Augenblick seiner Offenbarung, eine Apokalypse im biblischen Sinne: Der Moment, in dem das Geheime sichtbar wird, der Moment, in dem das Killer-Regime schon nicht mehr imstande ist, sein Hauptproblem zu lösen: Wie lassen sich die Leichen – die materiellen Spuren – des geleugneten Krieges verbergen? Was unter der Oberfläche vor sich ging, detonierte plötzlich mit solcher Wucht, dass Städte in Schutt und Asche liegen. Von der Stadt Charkiw, die ich noch in ihrer Blüte sehen durfte, sind nur noch Ruinen übrig. Ausgebrannte schwarze Augenhöhlen von den Fenstern. Sie aber wiederholen immer und immer wieder die gleiche Beschwörungsformel: Das hier ist kein Krieg, das hier ist kein Krieg. In Mariupol heben sie dem Bruder ein Grab aus: Sie schichten die toten Körper in Archive unter der Erde, die Erde wird unser Gedächtnis bewahren. In diesem grauenvollen Alptraum steigen wir hinab in die Archive unter der Erde, dort werden Zivilisten und Soldaten verscharrt, sie werden zu Materie, zu Natur. Die Erde archiviert auch die Lebenden: Diejenigen, die sich vor dem Krieg in Luftschutzkellern verstecken, aber auch die Mörder, die in Bunkern beerdigt werden. In Zeiten des Krieges dient uns das Unterirdische als ein Schutzraum – so wie uns die Flucht in die Tiefen des Traums als Schutzraum dient, der uns vor einer noch traumatischeren Realität abschirmt. Seit Ausbruch des Krieges steige ich jede Nacht in den Luftschutzkellerschacht meiner Träume, während meine Nächsten in der Ukraine in reale Luftschutzkeller hinabsteigen, um Schutz zu suchen vor dem, was in Russland nicht Krieg genannt werden darf. Und jeden Morgen werde ich in diesem Alptraum wach – in einer unumkehrbaren Situation: Das Haus, von dem der aus Charkiw Geflohene träumt, existiert nicht mehr. Aber die Erde, sie bleibt und sie behält alles im Gedächtnis.