Wednesday, December 22, 2021

Der Mythos von der paradiesischen Schweiz

WELT Der Mythos von der paradiesischen Schweiz Thomas Straubhaar - Gestern um 11:00 Schweizer bin ich von Geburt. Deutscher wurde ich, weil zwar die Schweiz meine Heimat, aber Deutschland mein Zuhause ist und bleiben wird. Warum ich mich entschieden habe, in Deutschland zu leben, zu wohnen, zu arbeiten, Steuern zu bezahlen und nicht in der Schweiz? Meine Antwort: Weil die Schweiz nicht so perfekt und Deutschland nicht so lausig ist, wie einige es beurteilen! Von Ferne gesehen, erscheint die Schweiz manchen Deutschen wie das Paradies auf Erden – in kein anderes Land sind in den vergangenen Jahren so viele gezogen wie nach Helvetien. Die Schweiz war mit 15.000 Personen vor Österreich mit 11.000 Personen und den Vereinigten Staaten mit 6000 Personen im Corona-Jahr 2020 das beliebteste Zielland für deutsche Auswanderer. Nirgendwo sonst dürften die Deutschen mehr Geld gebunkert haben als bei Schweizer Banken. Die Episoden über Deutsche, die in den Kofferräumen ihrer teuren Autos Taschen voller Geld nach Zürich fahren, sind Legende und werden in Komödien oder Witzen gerne genüsslich karikiert. Für mich ist es immer wieder und bis heute unfassbar, wie schlecht Deutsche über Deutschland urteilen und wie völlig überzogen sie das Dasein in der Schweiz glorifizieren. Dabei gilt auch da eine Binsenwahrheit, die aber ganz offensichtlich allzu rasch unter den Teppich gekehrt wird: Für die Masse der Bevölkerung unterscheiden sich Alltag und Lebensstandard in Deutschland und der Schweiz weit weniger, als es beim reinen Vergleich von Durchschnittszahlen oder durch flüchtige Urlaubseindrücke der Fall zu sein scheint. Schweizer müssen mehr auf die Zähne achten Vielleicht ist es an der Zeit, den Deutschen ein paar Illusionen zu rauben. Ja, in der Schweiz sind die Löhne deutlich höher und die Steuern und Abgaben ebenso deutlich niedriger als in Deutschland. Aber dafür ist alles viel teurer, ganz besonders das Wohnen. Die Schweiz ist ein Volk der Mieter und ein Eigenheim bleibt Privileg, Luxus und für die meisten unerfüllbarer Traum. Leicht weniger als vierzig Prozent der Bevölkerung lebt in Häusern oder Wohnungen, die ihnen selbst gehören. Der Anteil von etwas mehr als sechzig Prozent, der zur Miete wohnt, ist in Europa ein Spitzenwert und sogar in Deutschland liegt er bei knapp fünfzig Prozent und somit merklich tiefer. Am Beispiel des Gesundheitswesens lässt sich auch gut veranschaulichen, dass in der Schweiz die Krankenversicherungen die Bevölkerung nicht nur weit mehr kosten als in Deutschland, sondern auch, dass einiges nicht basisversichert ist, was in deutschen gesetzlichen Sozialversicherungen Standard ist. So muss in Helvetien alles, was mit Zähnen zu tun hat, durch private Zahnzusatzversicherungen oder aus dem eigenen Sack finanziert werden. Das führt nebenbei zu einer für den Ökonomen nicht unerwarteten empirischen Bestätigung theoretischer Erwartungen: Weil sie die Schäden selbst berappen müssen, sorgen Schweizerinnen und Schweizer besser vor und putzen ihre Zähne häufiger und besser als alle anderen in Europa. Für den in der Schweiz in der Tat höheren durchschnittlichen Lebensstandard wird auch länger gearbeitet. Die jährliche Normalarbeitszeit für Vollzeitbeschäftigte liegt in der Schweiz bei fast 2000 Stunden, genau waren 1957 Stunden im Jahr 2020. In Deutschland hingegen sind es lediglich drei Viertel davon, nämlich 1534 Stunden im Jahr 2020. Das ist auch Folge davon, dass der Anspruch auf Urlaub in Deutschland durchschnittlich fast sechseinhalb Wochen (32,4 Tage) beträgt – in der Schweiz gibt es mehr als eine Woche weniger (26 Tage). Vergleicht man also, was den meisten Haushalten von ihrem Einkommen im Alltag tatsächlich übrigbleibt, zeigt sich, dass sich die reale Kaufkraft der Löhne in Deutschland und der Schweiz gar nicht so sehr unterscheiden, wie es ein erster Blick vermuten ließe. Die größte Differenz offenbart sich bei arbeitsintensiven personenbezogenen Dienstleistungen von der Betreuung von Kleinkindern bis zur Pflege älterer Menschen, beim Haareschneiden oder der Kosmetik bis hin zur Bedienung in Hotels oder Restaurants. Dass guter Service auch gutes Geld kosten darf und muss, ist in der Schweiz wesentlich stärker akzeptiert als in Deutschland. Damit wird auch klar, wie und für welche Deutsche es sich am stärksten lohnt, in das südliche Nachbarland auszuwandern. Wer in Deutschland sein Einkommen mit Tätigkeiten verdient, die Menschen zugutekommen, die entweder eine geringe Kaufkraft haben – wie es sehr oft in Pflege und Betreuung der Fall ist – oder die nicht bereit sind, für personenbezogene Dienstleistungen zu bezahlen, was sie wert sind, wie es im Gastgewerbe, bei Körperpflege oder bei Fahrdiensten und Reinigungsarbeiten der Fall ist, wird in der Schweiz nicht nur mehr verdienen und vom Arbeitgeber anständiger behandelt werden. Er oder sie profitiert dann ganz besonders, wenn die Zeit in der Schweiz genutzt wird, um etwas zu sparen: Zuerst in der Schweiz Geld erwerben, das später in Deutschland ausgegeben werden kann – das kommt dem ökonomischen Paradies dann schon wirklich sehr nahe!