Friday, March 25, 2022
„Schrumpflation“ in Russland – Putin führt das Land in die Mangelwirtschaft
WELT
„Schrumpflation“ in Russland – Putin führt das Land in die Mangelwirtschaft
Thomas Mayer - Vor 11 Std.
Die aus den 1970er-Jahren bekannte Konstellation einer schwachen Konjunktur bei steigender Inflation, für die man den Begriff der „Stagflation“ fand, wurde schon während der Corona-Krise angelegt. Eine mit der Ausgabe neuen Geldes finanzierte fiskalpolitische Stützung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage traf auf ein eingeschränktes Angebot und brachte die Konsumentenpreise zum Laufen.
Der Ukraine-Krieg hat den „stagflationären“ Impuls in Europa nochmals verstärkt. Im Vergleich dazu dürfte Russland eine noch dramatischere Entwicklung erleben, die man „Schrumpflation“ nennen könnte.
Im Jahr 1973 lösten der Jom-Kippur-Krieg und das damit verbundene Ölembargo arabischer Länder eine Ölpreisexplosion aus. Der Anstieg der Konsumentenpreise führte zu einem Anstieg der Löhne, die die Preise höher trieben.
Die Preis-Lohn-Preis-Spirale im Verlauf des Jahrzehnts wäre unmöglich gewesen, hätten die Zentralbanken nicht eine gewaltige Ausweitung der Geldmenge zugelassen. Auch heute erleben wir eine Rohstoffpreisexplosion, die zu höheren Konsumentenpreisen führt. In den USA steigen die Löhne schon, die europäischen Tariflöhne werden bald folgen.
Wie in den 1970er-Jahren ignorieren die Geldpolitiker die Entstehung eines Geldüberhangs. Seit 2015 ist das nominale Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Euro-Raum um 20 Prozent, die von der Europäischen Zentralbank (EZB) früher beachtete Geldmenge M3 dagegen um 45 Prozent gestiegen.
Auch in Russland schwimmt die Wirtschaft in Geld
Wenn die Differenz nicht gehortet wird oder das reale BIP nicht entsprechend steigt, wird das überzählige Geld die Inflation für längere Zeit hochhalten. Doch in ihrer jüngsten Pressekonferenz hat EZB-Präsidentin Christine Lagarde kein Wort über die Entwicklung der Geldmenge verloren – und niemand hat danach gefragt.
Auch in Russland schwimmt die Wirtschaft in Geld. Seit 2015 ist das reale BIP kaum mehr gewachsen, während das nominale BIP aufgrund hoher Inflation um 59 Prozent zugelegt hat. Da die Geldmenge sogar um 135 Prozent gestiegen ist, ist ein noch höherer Geldüberhang als im Euro-Raum entstanden.
Während der Staat recht sparsam war, haben insbesondere Zuwächse der Forderungen an das Ausland und Kredite an private Haushalte die Geldschöpfung vorangetrieben. Spiegelbildlich dazu sind der Bargeldumlauf und die Bankeinlagen von Investmentgesellschaften enorm gestiegen.
Aufgrund der Sanktionen schrumpft nun die heimische Produktion, und viele importierte Güter werden nicht mehr angeboten. Ein stark verringertes Angebot trifft auf eine durch hohe Geldbestände aufgeblasene Nachfrage. Die Folge dürfte eine galoppierende Inflation sein.
Inflation trifft die wirtschaftlich Schwächeren und unterminiert das Vertrauen in das staatliche Geld und schließlich den Staat selbst. Das ruft die Politiker auf den Plan. Preise werden gedeckelt – bei uns die für Energie und in den armen Ländern die für Brot.
Das kostet den Staat eine Menge Geld, das er sich mangels eigener Reserven und um höhere Zinsen zu vermeiden, von der Zentralbank drucken lässt. Das Schwungrad der Inflation dreht sich weiter.
Wenn es sehr schlimm kommt – und das könnte für Russland zutreffen –, friert der Staat alle Preise ein. Kosten für den Erwerb von Gütern fallen dann in Form von Wartezeiten an. Präsident Putin träumt davon, das Sowjetreich wiederzubeleben. Von diesem Traum dürfte nur die Wiederherstellung der sowjetischen Mangelwirtschaft gelingen.
Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute.