Thursday, November 24, 2022
Vatikan veröffentlicht Bedenken gegen synodalen Weg deutscher Kardinäle
DER SPIEGEL
Vatikan veröffentlicht Bedenken gegen synodalen Weg deutscher Kardinäle
Artikel von Birte Bredow • Vor 1 Std.
Zwei Kurienkardinäle haben ihre konkreten Zweifel an den Reformbemühungen der deutschen katholischen Kirche bekannt gegeben. Es geht um das Priesteramt für Frauen und die Konsequenzen aus den Missbrauchsskandalen.
Dass es im Vatikan Bedenken gegen den sogenannten synodalen Weg der deutschen katholischen Kirche gibt, ist schon länger bekannt – nun sind zwei Reden veröffentlicht worden, die diese Vorbehalte konkretisieren. Kurienkardinal Luis Ladaria, der Chef des mächtigen Dikasteriums für die Glaubenslehre, formulierte fünf Bedenken am Vorgehen der Deutschen.
Unter anderem sei es nicht angebracht, über eine Öffnung des Priesteramtes für Frauen zu diskutieren – wie dies viele Reformer in Deutschland fordern. Der entscheidende Punkt sei nicht, dass Frauen in der katholischen Kirche nicht zum Priester geweiht werden könnten, sondern »dass man die Wahrheit akzeptieren muss, dass ›die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden‹«, so Ladaria. Außerdem beruhten die bisherigen Texte des synodalen Weges zum Teil auf »Behauptungen, die nicht vollständig gesichert sind«.
Das sagte Ladaria in der vorigen Woche den deutschen Bischöfen bei einem Treffen in Rom. Die Rede des Spaniers wurde am Donnerstag von der Vatikanzeitung »Osservatore Romano« veröffentlicht. Die deutsche Version findet sich bei »Vatican News«.
Gefahr einer Kirchenspaltung befürchtet
Ladaria äußerte sich auch zum Thema Missbrauch in der Kirche. Er sagte, es verstehe sich von selbst, dass alles getan werden müsse, um weiteren Missbrauch an Minderjährigen durch Kleriker zu verhindern. Auf der anderen Seite mahnte er jedoch, dass die Kirche nicht per se als eine Organisation bewertet werden dürfe, die Missbrauch hervorbringe. Diesen Eindruck erwecke der synodale Weg.
Zudem missfielen ihm die Texte der deutschen Reformer zur Sexuallehre in der Kirche. Sie vermittelten bei Ladaria den Eindruck, dass es auf dem Gebiet »fast nichts zu retten gebe«, wie er sagte. Als fünftes Bedenken nannte der Kardinal die Einschätzung des synodalen Wegs zur Rolle von Bischöfen. Es sei nicht möglich, »diese heikle und entscheidende Aufgabe im Leben der katholischen Kirche mit anderen Ämtern in der Kirche gleichzusetzen«.
Ouellet sieht Missbrauchsthema »ausgenutzt«, um »andere Ideen durchzusetzen«
Kurienkardinal Marc Ouellet vom Dikasterium für die Bischöfe erinnerte daran, dass viele Kritiker die Gefahr eines »latenten Schismas« – also einer Kirchenspaltung – durch das deutsche Vorgehen sehen. Er wisse, dass dies nicht die Absicht sei, nannte es aber »auffällig«, dass die Meinung einiger Theologen »von vor einigen Jahrzehnten plötzlich zum Mehrheitsvorschlag des deutschen Episkopats geworden ist«. Der Kanadier vermutete zudem, »dass die äußerst gravierende Angelegenheit der Missbrauchsfälle ausgenutzt wurde, um andere Ideen durchzusetzen, die nicht unmittelbar damit zusammenhängen«.
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Die beiden Kardinäle hatten ihre Rede am vorigen Freitag vor den Mitgliedern der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) gehalten. Auch der DBK-Vorsitzende Georg Bätzing sprach dabei und warb für die Reformen. Der Bischof von Limburg sagte danach, dass es keine klare Annäherung in den entscheidenden Punkten gegeben hatte. Immerhin aber hätten die Deutschen erstmals offen mit den Kurienspitzen geredet.
Neben ihrer Kritik lobten die Kardinäle Ladaria und Ouellet, dass die Deutschen das Thema des sexuellen Missbrauchs durch Geistliche konsequent angegangen seien und dabei auch Selbstkritik geübt worden sei.
Die deutschen Katholiken bemühen sich seit 2019 um Reformen in den Bereichen katholische Sexualmoral, Umgang mit Macht, Position der Frau und priesterliche Ehelosigkeit. Dieser Erneuerungsversuch wird synodaler Weg genannt. Der Vatikan hatte jedoch im Sommer klargestellt, dass die Deutschen »nicht befugt« seien, die Leitungsstruktur oder gar die Lehre der Kirche zu verändern.