Tuesday, July 5, 2022
Botschafter Melnyk soll Deutschland laut Medienberichten verlassen
WELT
Botschafter Melnyk soll Deutschland laut Medienberichten verlassen
Vor 12 Std.
Der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, soll Berlin verlassen und ins Außenministerium in Kiew wechseln. Das berichten „Bild“ und „Süddeutsche Zeitung“ unter Berufung auf Regierungskreise in der Ukraine. „Bild“ zitiert einen Regierungsbeamten mit den Worten: „Dieser Vorschlag wurde vom Ministerium gegenüber dem ukrainischen Präsidenten gemacht. Andrij Melnyk wird in Kiew sehr geschätzt für seine Arbeit.“
Der Wechsel könnte noch vor dem Herbst erfolgen, hieß es. Dies wäre laut Regierungskreisen jedoch nicht als Abberufung zu verstehen. Das Außenministerium wollte sich laut „Bild“ nicht zu der Personalie äußern, Melnyk selbst sei für eine Stellungnahme nicht zu erreichen gewesen.
Melnyk ist seit acht Jahren Botschafter in Berlin. In den vergangenen Monaten kritisierte er immer wieder die Bundesregierung, unter anderem wegen ausbleibender oder verzögerter Waffenlieferungen an die Ukraine. Zuletzt geriet er selbst in die Kritik, weil er den ukrainischen Partisanenführer Stepan Bandera (1909-1959) verteidigt hatte.
In einem Interview mit dem Journalisten Tilo Jung hatte Melnyk gesagt: „Bandera war kein Massenmörder von Juden und Polen.“ Dafür gebe es keine Belege, vielmehr sei Bandera gezielt von der Sowjetunion dämonisiert worden. Deutsche, polnische und israelische Historiker hätten dabei mitgespielt. „Ich bin dagegen, dass man all die Verbrechen Bandera in die Schuhe schiebt“, sagte der Botschafter.
Bandera war ideologischer Führer des radikalen Flügels der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN). Nationalistische Partisanen aus der Ukraine waren 1943 für ethnisch motivierte Vertreibungen verantwortlich, bei denen Zehntausende polnische Zivilisten ermordet wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg floh Bandera nach Deutschland, wo er 1959 von einem Agenten des sowjetischen Geheimdienstes KGB ermordet wurde.
Die israelische Botschaft in Berlin und der polnische Vize-Außenminister kritisierten Melnyks Aussagen scharf. Das ukrainische Außenministerium distanzierte sich davon. Melnyk habe seine persönliche Meinung ausgedrückt, sie gebe nicht die Position des ukrainischen Außenministeriums wieder, hieß es in einer Stellungnahme.