Thursday, November 3, 2022
Mehrheit der Deutschen hält China für eine globale Bedrohung
WELT
Mehrheit der Deutschen hält China für eine globale Bedrohung
Matthias Kamann - Gestern um 18:56
Beste Wünsche von der Mehrheit der Deutschen kann Olaf Scholz (SPD) in Peking nicht ausrichten. Denn kurz vor dem Aufbruch des Bundeskanzlers zum Kurzbesuch in China schätzen fast zwei Drittel der Bundesbürger die fernöstliche Diktatur als globale Gefahr ein. 63 Prozent der Befragten stimmen „auf jeden Fall“ oder „eher“ der Aussage zu, dass China „gegenwärtig eine Bedrohung für die Sicherheit der Welt“ darstelle. Dies ergibt der Deutschlandtrend von Infratest Dimap im Auftrag von ARD-„Tagesthemen“ und WELT.
Die Mehrheit stimmt dabei mit Forderungen überein, die in der Ampel-Koalition etwa Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge vorgetragen hat. „Kein reiner Höflichkeitsbesuch mit Wirtschaftsbegleitung“ dürfe die Visite des Kanzlers sein, sagte Dröge bei RTL/n-tv. Vielmehr müsse Scholz „sehr klare Worte“ zu Menschenrechten in China finden.
Inhaltlich ganz ähnlich sagen 68 Prozent der Bürger nein zu der Aussage, dass im Umgang mit China die Vertretung deutscher Wirtschaftsinteressen wichtiger sei als der Einsatz für Menschenrechte. Fast die Hälfte, 49 Prozent, will die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China sogar „verringern“. Am deutlichsten zeigt sich die Distanz der Mehrheit zur Linie des Kanzlers daran, dass sich 69 Prozent gegen die von Scholz durchgesetzte Beteiligung des chinesischen Cosco-Konzerns an einem Hamburger Hafenterminal aussprechen.
Für noch gefährlicher als China wird Russland gehalten. Dass Wladimir Putins Regime die Sicherheit der Welt bedrohe, meinen insgesamt 86 Prozent der Befragten, wobei 56 Prozent dieser Aussage sogar „auf jeden Fall“ zustimmen. Trotzdem aber – trotz des unverminderten Angriffskriegs gegen die Ukraine und trotz der gezielten Zerstörung von Wohngebieten und ziviler Infrastruktur – hofft nun eine Mehrheit auf Diplomatie: 55 Prozent, das bedeutet einen Zuwachs um 14 Prozentpunkte gegenüber der letzten entsprechenden Befragung im Juni, meinen, dass „diplomatische Bemühungen zur Beendigung des Krieges nicht weit genug“ gehen würden.
Zugleich schwinden die Zusammengehörigkeitsgefühle gegenüber der angegriffenen Ukraine. Dass sie „ein Partner für Deutschland ist, dem man vertrauen kann“, glaubt nicht einmal mehr die Hälfte. Gegenüber März sank die Zustimmung zu dieser Aussage um 16 Punkte auf nur noch 47 Prozent.
Kaum verändert hat sich hingegen die Zustimmung zu deutschen Waffenlieferungen an die Ukraine. 41 Prozent halten sie für „angemessen“, 21 Prozent gehen sie „nicht weit genug“. Insgesamt 68 Prozent sind auch der Meinung, dass die aktuellen Sanktionen gegen Russland richtig seien oder verschärft werden müssten. Die Sorge jedoch, dass Russland nach der Ukraine weitere Länder in Europa angreift, ist mittlerweile etwas weniger verbreitet als im März kurz nach dem Beginn des russischen Überfalls: Um acht Punkte sinkt sie auf 61 Prozent.
Noch kleiner sind die Sorgen wegen Corona geworden. Nur noch 31 Prozent (minus elf Punkte im Vergleich zum Oktober 2021) fürchten, dass die Zahl der Infektionen bald wieder deutlich ansteige. Umgekehrt wachsen wieder die Ängste wegen der Migration. Mittlerweile 53 Prozent fürchten, dass „zu viele Menschen aus anderen Ländern nach Deutschland einwandern“. Und gegenüber dem Vormonat noch einmal um neun Punkte auf 66 Prozent ist im November der Anteil derer gewachsen, die sich sorgen, dass sie wegen stark steigender Preise ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können. Genauso viele Befragte zeigen sich besorgt, dass der Klimawandel „unsere Lebensgrundlagen zerstört“.
An der Beliebtheit deutscher Politiker hat sich gegenüber dem Vormonat wenig geändert. An der Spitze steht weiterhin Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) mit 46 Prozent. Hinter ihrem Parteifreund, dem zweitplatzierten Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (38 Prozent), steht auf dem dritten Platz Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) mit 37 Prozent.
Bei der Sonntagsfrage zur Bundestagswahl bleibt die Union mit unverändert 28 Prozent an der Spitze. Dahinter rangieren mit jeweils 19 Prozent die konstant gebliebenen Grünen und die SPD, die um zwei Punkte gegenüber dem Vormonat zulegt. Der Aufstieg der AfD hat sich nicht fortgesetzt: Ihr Wert sinkt um einen Punkt auf 14 Prozent. Ebenfalls einen Punkt verliert die FDP (sechs Prozent), während die Linke bei fünf Prozent verharrt.
Für den repräsentativen Deutschlandtrend hat Infratest Dimap vom 31. Oktober bis 2. November insgesamt 1307 wahlberechtigte Bürger in 854 Telefon- und 453 Online-Interviews befragt. Die Fehlertoleranz liegt zwischen zwei und drei Prozentpunkten.