Thursday, November 3, 2022

„Das System ist sehr stabil – wegen der Armut“

Frankfurter Allgemeine Zeitung „Das System ist sehr stabil – wegen der Armut“ Katharina Wagner - Gestern um 13:36 Frau Professor Subarewitsch, im März haben viele Ökonomen gesagt, die Sanktionen gegen Russland würden im Herbst wirken, wenn die Lagerbestände aufgebraucht seien. Jetzt ist Herbst. Wieso ist noch immer kein Einbruch in Sicht? Die russische Regierung hat inzwischen „Parallelimporte“ erlaubt. Viele Unternehmen, besonders aus dem Einzelhandel, können deshalb Waren über Drittländer einkaufen. Schwieriger ist die Lage bei Maschinen und Ausrüstung, die häufig unter Sanktionen fallen. Einfachere Dinge können aber in China gekauft werden, und vieles wird auch noch nicht benötigt. Nach der Pandemie haben viele Firmen riesige Lagerbestände aufgebaut. Insgesamt ist die russische Wirtschaft bisher in einem pro­blematischen, aber nicht kritischen Zu­stand. Einen drastischen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts, den wir Ökonomen noch im Frühjahr für dieses Jahr erwartet haben, wird es nicht geben. Dafür sind die Preise für Öl und Gas zu hoch. Und wie wirkt die Mobilmachung auf die Wirtschaft? Das hängt davon ab, wie viele und welche Menschen eingezogen werden. 300.000 Menschen (so das offiziell genannte Ziel, Anm. d. Red.) sind bisher nicht viel. Aber wir wissen nicht, wie viele Mobilisierungswellen noch kommen. Und es ist unklar, aus welchen Branchen am meisten Menschen einberufen werden. Bisher kommen die meisten aus der Peripherie, also aus den ländlichen Gebieten. Das betrifft vor allem die Land- und Bauwirtschaft, den Transport. In den großen Städten werden weniger Menschen eingezogen. Dort verstecken sich viele oder verlassen das Land; es gibt mehr passiven Widerstand. Wenn man aber bedenkt, dass noch mal mehr als 300.000 Menschen Russland verlassen ha­ben seit Ausrufung der Mobilmachung, dann ist das für manche Firmen eben doch ein Schock, etwa für Landwirtschaftsbetriebe oder Baufirmen. Und in den Städten trifft es vor allem kleine und mittlere Un­ternehmen. Wenn ihnen plötzlich einer oder zwei Mitarbeiter fehlen, können sie schon bankrottgehen. Stimmt es, dass in den armen Regionen der Dienst an der Front wegen des hohen Solds als Aufstiegschance wahrgenommen wird? Wenn Sie getötet werden, ist das kein Aufstieg. Eine Aufstiegsmöglichkeit war der Dienst als Vertragssoldat. Dazu haben sich viele aus den Regionen verpflichtet, und dreimal mehr verdient als im Durchschnitt ihrer Region. Aber sie haben nicht ge­glaubt, dass sie einmal kämpfen müssten. Den Mobilisierten werden 200.000 Rubel (umgerechnet etwa 3200 Euro, Anm. d. Red.) im Monat versprochen und dass, wenn sie fallen, sie zu Helden werden und ihre Familien große Entschädigungssummen erhalten. Aber den Sold bekommen sie nur, solange sie am Leben sind und kämpfen. Und die Entschädigung wird nur ausgezahlt, wenn der Tod des Soldaten festgestellt wird, aber nicht, wenn er als verschollen gilt. Dann bekommt die Familie gar nichts. Aber viele Russen glauben dem Staat trotzdem. Welche Folgen hat die Mobilmachung für die armen Regionen? Aus der Peripherie werden die Männer eingezogen, die keine Alkoholiker, also ar­beitsfähig sind. Sie sind das letzte Humankapital in diesen Gegenden, gehen an die Front, und nicht alle kommen zurück. Und in Regionen des Kaukasus wie Dagestan und Tschetschenien, wo versucht wurde, besonders viele zu mobilisieren, gab es Proteste, weil dort die Bevölkerung jünger ist als anderswo. Aber eingezogen werden die Männer trotzdem. In diesen Regionen wird es also mehr Särge geben. Und weil die Gesellschaft dort in Clans organisiert ist und sich alle kennen, wird das schnell bekannt werden. Aber welche Reaktion es darauf geben wird, wissen wir nicht. Denn es ist klar, dass die Entschädigungssummen nur gezahlt werden, wenn die Leute sich nicht beschweren, nicht laut werden. Wie wirken sich Mobilmachung und Emigration demographisch aus? Sehr schlecht. Denn die Generation zwischen 20 und 29 Jahren ist ohnehin sehr klein. Das sind die Enkel derjenigen, die während des Zweiten Weltkriegs geboren wurden. Und sie selbst wurden in den Neunzigerjahren geboren, als die Krise die Geburtenrate ebenfalls verringert hat. Diese Generation wird jetzt eingezogen, und nicht alle kehren zurück. Außerdem denken die Menschen auch heute gründlich nach, ob sie Kinder bekommen sollen, wenn der Vater eingezogen werden könnte. Im zweiten Halbjahr nächsten Jahres wird die Geburtenrate, die ohnehin niedrig ist, noch deutlich einbrechen. Woran spüren die Russen die wirtschaftliche Krise bisher? Sie sparen. Denn die Reallöhne sind schon um 3 Prozent gesunken. Im Frühling ist der Handel abseits von Lebensmitteln um 17 Prozent eingebrochen, jetzt sind es 14 Prozent. Der Hauptgrund ist der Einbruch bei den Autoverkäufen, aber auch der Weggang von Ikea und anderen westlichen Marken hat dazu beigetragen. Zwar liegen die Autoverkäufe inzwischen wieder bei 30 Prozent des Niveaus von Anfang des Jahres, dafür gesorgt haben die russische Marke Lada und chinesische Anbieter. Aber das sind Autos für die unteren Einkommensschichten. Wer vorher bessere kaufen konnte, macht jetzt Pause. Größerer Unmut darüber ist aber bisher nicht zu spüren. Ja, die real verfügbaren Einkommen sinken nur langsam, dieses und wohl auch nächstes Jahr um 2 bis 3 Prozent. Das ist nicht kritisch. Wir haben uns daran gewöhnt; außerdem gab es schon schlimmere Zeiten. 2015 etwa sanken die Einkommen um 5 Prozent. Und dann gab es vier Jahre, in de­nen die Einkommen gar nicht wuchsen. Die Bevölkerung hält das aus. Das heißt, auch wenn die Lebensbedingungen sich weiter verschlechtern, werden die Leute nicht auf die Straße gehen. Natürlich nicht. In Russland geht schon lange keiner mehr auf die Straße. Die, die das gemacht haben, sind längst ausgewandert. Und sie haben auch nicht wegen sinkender Einkommen demonstriert, sondern wegen der Politik. Die Menschen, die hierbleiben, werden sich an ein schlechteres Leben anpassen. So ist Russland. War das immer so? Immer. Nach dem Zerfall der Sowjetunion, zwischen 1992 und 1995, brachen die Einkommen der Bevölkerung um mehr als das Zwanzigfache ein. Und im Krisenjahr 1999 noch einmal um 28 Prozent. Aber die Leute haben sich angepasst. Sie denken rational, sie fragen sich: Welchen Sinn hat es, auf die Straße zu gehen, wenn man bloß geschlagen wird, und das Resultat gleich null ist? Wegen der Einkommen gab es nur einmal Demonstrationen, das war 2004/2005, als für Pensionäre Vergünstigungen gestrichen und durch Hilfszahlungen ersetzt wurden. Da gingen die Rentner auf die Straße. Das war das letzte Mal, dass viele Menschen in Russland nicht aus politischen, sondern aus wirtschaftlichen Gründen demons­triert haben. Putin hat nach Kriegsbeginn auch Renten und Sozialhilfe erhöhen lassen. Wie lange kann sich der Kreml das noch leisten? Ihr Kollege, der in Paris lehrende Ökonom Sergej Gurijew, geht davon aus, dass ein immer größeres Defizit im Staatshaushalt bald zum Problem werden könnte. Das stimmt nicht. Ja, dem Staatshaushalt mögen zum Ende des Jahres 2,5 Billionen Rubel (umgerechnet etwa 40,5 Mrd. Euro, Anm. d. Red.) fehlen. Aber 2015 war das genauso, und niemand ist daran gestorben. Geld ist trotzdem genug da. Es gibt den Nationalen Wohlfahrtsfonds, nächstes Jahr werden die Steuern für Exporteure angehoben, und der Staat kann sich bei den Banken Geld leihen. Sogar von der Bevölkerung holt er sich mehr Geld: Von De­zember an werden die Abgaben für Heizung, Strom, Gas und Wasser zum zweiten Mal in diesem Jahr angehoben. Und dann kommt noch der Ölpreis hinzu: Niemand weiß, wie er sich entwickelt. Wie wird Russlands Wirtschaft in ein paar Jahren aussehen? Darüber kann man erst nachdenken, wenn die Kriegsphase vorüber ist. Aber wenn wir annehmen, dass die Situation noch ein paar Jahre so bleibt wie jetzt, dann wird die Demographie leiden, Perspektiven werden verschwinden, die Einkommen sinken, und die Menschen werden ärmer. Schon jetzt leben viele in der Peripherie von dem, was sie in ihren Gärten anbauen, das wird noch mehr werden. Russland wird archaischer werden, die Wirtschaft primitiv und rückständig sein. Aber sie wird nicht verschwinden. Iran lebt schließlich auch seit Jahrzehnten unter Sanktionen. Sie haben schon vor Jahren gesagt, Russland verwandele sich immer mehr in einen Sumpf, aber ein Sumpf sei ein sehr stabiles Ökosystem. Trifft das heute noch zu? Ja. Das System ist sehr stabil – wegen der Armut. Denn sie bedeutet, dass es für viele Leute ums Überleben geht. Fast 30 Prozent der Russen leben in Armut oder nahe der Armutsgrenze, und das nur nach russischen Maßstäben – von europäischen ganz zu schweigen. Diese Menschen schauen nicht nach vorne, sie leben von Tag zu Tag. Sie haben keine großen Pläne, keine Ambitionen. So reproduziert sich das System. Solange diese Menschen so arm sind und so wenig Kompetenzen haben, wird der Sumpf fortbestehen. Gibt es noch Sanktionen, die der Westen verhängen könnte und die Russland wehtun würden? Ich denke nicht. Was möglich ist, wurde schon verhängt. Man muss jetzt abwarten, wie das Öl-Embargo wirkt, wenn es in Kraft tritt. Ich glaube, Russland wird sein Öl trotzdem verkaufen können. Es ist un­möglich, das zu kontrollieren. Das heißt aber nicht, dass die Sanktionen nicht wirken. Wir sehen das etwa an der Metall- oder Holzproduktion, die beide zurückgegangen sind. Teilweise werden die Waren zwar an alternative Märkte verkauft, aber nicht vollständig, und die Kosten für Logistik und Versicherung sind extrem gestiegen, was die Gewinnspannen senkt und jede Weiterentwicklung der Wirtschaft un­möglich macht. Viele Ihrer Kollegen sind nach Russlands Überfall auf die Ukraine ausgewandert oder leben seit Jahren im Ausland. Sie äußern sich ebenfalls kritisch, lehren aber weiterhin an einer staatlichen Universität in Moskau. Wie ist das möglich? Ich beschäftige mich mit Wirtschaft, nicht mit Politik. Alles, was ich sage, basiert auf offiziellen Daten, die es bisher noch gibt. Viele Daten werden nicht mehr veröffentlicht, und manche, etwa zu den Einkommen der Bevölkerung, erscheinen zweifelhaft, weil sie politisch sind. Das erschwert natürlich unsere Arbeit. Aber es reicht noch, um die Lage neutral zu analysieren. Auf Basis der Daten erkläre ich meinen Studenten, wie die Lage ist. Alles Weitere müssen sie sich denken. An der MGU (Moskauer Staatliche Lomonossow-Universität, Anm. d. Red.) sprechen wir mit den Studenten nicht über politische Fragen. Das ist der akademische Kodex. In der Peripherie ist das leider anders, da gibt es auch an den Universitäten viel mehr Propaganda. Sie denken also nicht übers Auswandern nach? Ich werde nirgends hingehen. Ich habe hier meine Arbeit, führe ein aktives Le­ben. Was soll ich im Ausland?