Wednesday, November 2, 2022

Leitzins nun bei 4 Prozent: Trotz Erhöhungen hat das Fed Mühe, den Geist der Inflation zurück in die Flasche zu bringen

Neue Zürcher Zeitung Deutschland Leitzins nun bei 4 Prozent: Trotz Erhöhungen hat das Fed Mühe, den Geist der Inflation zurück in die Flasche zu bringen Christof Leisinger, New York - Gestern um 19:09 Kann der Fed-Chef Jerome Powell die Inflation bändigen, oder knickt er vorher ein? Kritiker sind skeptisch. Elizabeth Frantz / Reuters Um einen weiteren Dreiviertelprozentpunkt nach oben auf 4 Prozent – die amerikanische Zentralbank Fed hat den Leitzins am Mittwoch das sechste Mal in Folge seit März erhöht und signalisierte die Absicht, sie weiter anzuheben - wenn auch möglicherweise in kleineren Schritten. «Wir agierten in den vergangenen Monaten zügig - und das war angemessen. Im Moment sieht es so aus, als ob wir es künftig etwas gemächlicher angehen lassen können. Aber der Leitzins dürfte am Ende des Straffungs-Zyklus höher liegen, als bisher vielfach angenommen», erklärte Fed-Präsident Jerome Powell in der Pressekonferenz nach dem Zinsentscheid. Er betonte einmal mehr, wie wichtig Preisstabilität als Grundlage für die langfristig nachhaltige, wirtschaftliche Entwicklung ist und dass es entscheidend sei, das Inflationsproblem gleich beim ersten Anlauf zu lösen. Die Inflation löst sich nicht in Luft auf Bisher hatte das Fed Mühe, von den Finanzmärkten und Unternehmen ernst genommen zu werden. Gemäss dem Motto «Wer in der Vergangenheit zu lange mit zu billigem Geld um sich geworfen hat, dem glaubt man nicht» lauern die einen nur auf das erste Anzeichen für den «Pivot», und die anderen erhöhen die Preise für ihre Güter und Dienstleistungen stärker, als ihre Kosten steigen. Bei den Investoren, verhätschelt von den «monetären Verwöhnprogrammen» der Vergangenheit, dominiert die naive Hoffnung, die enormen Kursverluste der vergangenen Monate in kürzester Zeit aufholen zu können. Sie gehen davon aus, dass das Fed bald mit der Erhöhung des Zinssatzes abgeschlossen haben könnte, um dann die verzögerte Wirkung kurz abzuwarten und den Zinssatz bald darauf wieder zu senken. So als ob die Spekulationen der Investoren in den vergangenen Monaten nicht schon mehrfach enttäuscht worden wären und so als ob sich der allgemeine Preisauftrieb demnächst einfach in kürzester Zeit in Luft auflösen würde. Stattdessen bildet sich die Inflation üblicherweise nur langsam zurück und bleibt danach manchmal über mehrere Jahre hinweg auf erhöhtem Niveau, nachdem sie die Marke von 5 Prozent einmal überschritten hat. Das zeigt die statistische Auswertung von Daten aus der Vergangenheit – und dafür könnten in diesen Zeiten unter anderem Unternehmen wie Pepsi, Coca-Cola, Chipotle, McDonald’s, Wyndham Hotels, Darden Restaurants, Jet Blue, Colgate-Palmolive und viele andere verantwortlich sein. Denn sie nutzen das inflationäre Umfeld, um die Preise für ihre Güter und Dienstleistungen in der Tendenz stärker zu erhöhen, als ihre Kosten bisher gestiegen sind. Unternehmen erhöhen die Preise kräftig So kommt es, dass «die Widerstandsfähigkeit des Unternehmenssektors eine der Überraschungen des Jahres 2022 ist», wie der Ökonom Joe Carson argumentiert. Trotz einer unbeständigen sowie uneinheitlichen konjunkturellen Entwicklung und trotz einer Reihe von Leitzinserhöhungen ist der Firmensektor so rentabel wie lange nicht mehr, und die Gewinnmargen sind sogar rekordverdächtig. Das bestätigt in den Augen des früheren Chefökonomen des Vermögensverwalters Alliance Bernstein eindeutig, dass die Firmen die Kostensteigerungen weitergeben oder darüber hinaus sogar noch kräftig zulangen und nicht etwa durch die effizientere Gestaltung des operativen Geschäfts auffangen. Schon vor der Pandemie erzielten die Produktions- und Dienstleistungsunternehmen ausserhalb des Finanzsektors die höchsten Margen seit Mitte der 1960er Jahre. Seitdem konnten sie offensichtlich gleichzeitig gestiegene Material-, Liefer- und Arbeitskosten auf ihre Kunden überwälzen und die reale Ertragsspanne um 400 Basispunkte oder um ein sattes Drittel steigern. Das mag erklären, wieso der amerikanische Arbeitsmarkt bisher trotz deutlich steigenden Nominallöhnen so robust geblieben ist. Tatsächlich stellten die Unternehmen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten im dritten Quartal mehr als eine Million neue Mitarbeiter ein, etwa so viele wie im Vorquartal – und noch Ende September konnte ein Arbeitsloser zumindest in der Theorie fast zwischen zwei Jobangeboten wählen. So etwas wäre nicht zu erwarten, wenn die Unternehmen insgesamt mit Ertragsproblemen zu kämpfen hätten. «Die politischen Entscheidungsträger werden dies nie öffentlich zugeben, aber das Fed wünscht sich ein Umfeld, in dem die Unternehmen Kostensteigerungen nicht auf die Endpreise umlegen können. Dies würde zu einem Rückgang der Gewinnspannen führen», erklärt der Ökonom Carson. Das wäre typisch für eine Periode mit nachlassendem Wirtschaftswachstum oder gar einer Rezession. In seinen Augen sind Inflationserwartungen «weiche Indikatoren» für die künftige Preisentwicklung, und sie zeigten nur, was die Beteiligten gerne sähen. Der «harte Massstab» leite sich dagegen unmittelbar aus den wirtschaftlichen Aktivitäten ab und zeige sich unter anderem in Form der Gewinnspannen der Unternehmen. «Nahezu rekordverdächtige Profitabilität deutet darauf hin, dass die Aufgabe des Fed, die Inflation zu bekämpfen, noch lange nicht abgeschlossen ist.» Gemäss dieser Argumentation muss das Fed auch aus Sorge über eine entstehende Lohn-Preis-Spirale so lange auf die geldpolitische Bremse drücken, bis die Firmen aufgrund nachlassender Nachfrage die Preise nicht mehr weiter erhöhen können und dann dazu übergehen, die Kosten zu senken und in diesem Rahmen Personal abzubauen. Erst dann dürfte auch die Inflationsrate zurückgehen – und das bedeutet nur, dass die Preise etwas weniger schnell steigen. Von einem Rückgang oder gar Deflation wäre noch lange keine Rede, also auch nicht von Zinssenkungen. Ist die Wirtschaft überhitzter als angenommen? Die Trump- und die Biden-Regierung haben den Geist der Inflation aus der Flasche gelassen – mit ihren gigantischen Stimulierungsprogrammen auf Kredit in einem extrem lockeren monetären Umfeld. Nun lässt er sich nicht mehr so einfach zurückbringen. Glaubt man jüngst bekanntgewordenen Analyseergebnissen von Mitarbeitern der amerikanischen Zentralbank, so ist die amerikanische Konjunktur sogar überhitzter als bisher allgemein angenommen. Im Protokoll des zinsbestimmenden Gremiums des Fed für die Septembersitzung wurde das «Produktionspotenzial» der amerikanischen Wirtschaft aufgrund des enttäuschenden Produktivitätswachstums und des langsamen Anstiegs der Erwerbsbeteiligung «erheblich nach unten korrigiert». Das heisst, die Institution müsste noch stärker auf die geldpolitische Bremse treten als bisher angenommen. Glaubt man den Analytikern des Hedge-Fund Bridgewater Associates, so haben die Börsen und wohl auch die Bondmärkte in den vergangenen Monaten erst die Bewertungseffekte höherer Zinsen vorweggenommen, nicht aber die Konsequenzen abnehmender Ertragsmargen. Genau die braucht es aber offensichtlich, um die Inflation unter Kontrolle zu bringen. Ob das der Fed-Chef Jerome Powell auch so sieht? Skeptiker jedenfalls fürchten, der Mann habe nicht das Zeug dazu, die dramatisch schwindende Kaufkraft der amerikanischen Bürger konsequent zu bekämpfen wie sein Vorbild Paul Volcker vor etwa fünfzig Jahren. Er werde vorher einknicken.