Thursday, November 3, 2022
Die Universität Bonn distanziert sich von Ulrike Guérot
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Die Universität Bonn distanziert sich von Ulrike Guérot
Thomas Thiel - Gestern um 17:36
Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot ist bekannt für schrille Thesen. Während der Pandemie trat sie durch scharfe Kritik an der Corona-Politik hervor, wobei sie mit Fakten und Belegen, wie der Politikwissenschaftler Markus Linden in dieser Zeitung nachwies, recht freizügig umging. Das verschaffte ihre breite Resonanz in der „Querdenker“-Szene, die ihr nach eigenem Bekunden fremd ist. Sie rechnet sich weiter dem linksliberalen Spektrum zu.
Ihre Positionen zum Krieg in der Ukraine setzen die Kritik am politischen Mainstream konsequent fort. In ihrem gemeinsam mit Hauke Ritz verfassten Buch „Endspiel Europa“ weist Guérot der Ukraine die Rolle des Kriegstreibers zu, der stellvertretend für den Westen einen Krieg mit Russland begonnen habe. In diesem Krieg werde die Ukraine zwar von der NATO militärisch und logistisch unterstützt, ohne dass diese aber selbst ins Kriegsgeschehen hineingezogen würde.
Vielmehr beschränkten sich die NATO-Staaten darauf, den Krieg durch Sanktionen, antirussische Propaganda und eine nukleare Einkreisung Russlands zu flankieren. „All diese Maßnahmen“, resümieren die Autoren, „entsprachen dem Streben der USA nach Full Spectrum Dominance.“ Im Einklang mit dieser Deutung fordert Guérot ein Ende der Waffenlieferungen und Friedensverhandlungen mit Russland. Nach dem Motto: Frieden ist immer besser als Krieg, egal zu welchen Konditionen.
Wille zu Wirkung und Größe
Angesichts des täglichen Terrors in der Ukraine und der nuklearen Drohgebärden von Präsident Putin sind solche Aussagen schwer zu ertragen, aber es ist das Recht einer Professorin in Deutschland, sie zu äußern. Die Universität Bonn, an der Guérot seit einem Jahr den Lehrstuhl für Europapolitik bekleidet, hat sich nun in einer Erklärung auf ihrer Homepage von ihr distanziert. Nachdrücklich erklärt die Universitätsleitung ihre Solidarität zur Ukraine und ruft Guérot ohne namentliche Nennung dazu auf, wissenschaftlich nicht belegbare Behauptungen zu unterlassen und wissenschaftliche Standards einzuhalten.
Beides trifft einen wunden Punkt. Wie Markus Linden nachgewiesen hat, pflegt Guérot nämlich nicht nur einen freizügigen Umgang mit Fakten, sondern hat auch umfangreich plagiiert. Beides muss nicht dem gleichen Ziel dienen. Sollte sich jedoch herausstellen, dass sie gezielt ihre wissenschaftliche Reputation für politische Propaganda missbraucht und dabei wissenschaftliche Standards verletzt, könnte das Folgen haben. Das zu belegen dürfte allerdings nicht einfach sein. Die Universität behält sich jedenfalls vor, die Aussagen und Schriften zu prüfen und gegebenenfalls zu sanktionieren.
Auf einem anderen Blatt steht die fachliche Kritik. Der Politikwissenschaftler Philipp Ther hält Guérot vor, ihre Einlassungen zu Russland und zur NATO hätten kein wissenschaftliches Fundament. Er zählt sie zu der sich sprunghaft vermehrenden Spezies der Russlandkenner ohne Russlandkenntnisse. Die Kritik, Guérot sei in erster Linie eine Aktivistin, die politische Ziele mit einer wissenschaftlichen Lackschicht überziehe, ist schon öfter geäußert worden. Als Guérot im Wintersemester 2020/21 den Lehrstuhl an der Universität Bonn antrat, verfügte sie über wenig akademische Meriten, aber viel politisches Kapital.
Sie kam von der unauffälligen Weiterbildungsuniversität im österreichischen Krems. Zuvor war sie bei politischen Institutionen und Stiftungen tätig. In Krems wurde sie im Jahr 2016 zur Professorin ernannt, mehrere Publikationen wurden damals als Habilitations-Ersatz gewertet, was aber nicht vollkommen unüblich ist. Schon zu dieser Zeit war sie eine auflagenstarke Publizistin und gefragte Medienfigur. Der naive Utopismus ihrer Europa-Manifeste fand breiten Anklang, bis sie in den beiden Krisen aus dem linksliberalen Mainstream ausscherte.
Nach ihrer Deutung hat nicht sie selbst ihren Kurs gewechselt, sondern der Linksliberalismus sich der Staatsräson unterworfen. Das stimmt zumindest in einem Punkt: Ihr neues Buch setzt nicht nur die Neigung zur fulminanten Geste fort, es verarbeitet auch auf ganz eigenwillige Weise das bisherige Scheitern ihrer Hoffnung auf einen europäischen Großstaat.
Die NATO und die Amerikaner hätten einen Keil in Europa getrieben und es in einen unsinnigen Krieg mit Russland gezogen, das einem Großeuropa einschließlich Ukraine eigentlich aufgeschlossen wäre. Konsequent wird die Deutung des weltpolitischen Geschehens dem Wunsch nach eigener Wirkung und Größe untergeordnet.